Ich finde dem Mitleid schwingt auch immer, oder zumindest sehr häufig irgendwas egoistisches unterschwellig mit. Das hat oft so ein bisschen was von „sich selbst auf die Schulter klopfen“.
Die mitleidende Person erzählt sich automatisch quasi selbst über das Mitleid als die gute Person.
Empathie und auch Mitgefühl setzen meiner Meinung nach auch eine intellektuelle Auseinandersetzung mit der Gefühlswelt und oder Situation des Gegenübers voraus.
Das fehlt IMO beim Mitleid völlg. Wenn man so will, reicht dann eben das „Es tut mir sehr leid, dass du leidest“. Man hat Anteil genommen und empfindet das bereits als eine Form des Handelns. Wäre man polemisch, könnte man es mit einem Gebet für jemanden anderen vergleichen. Zynisch gesagt, erzählt man sich da auch nur selbst, dass man durch das Gebet gehandelt und geholfen hat, ohne tatsächlich etwas zu tun.
Interpassivität würde Robert Pfaller das vielleicht nennen.
Ich weiß noch, wie sehr ich es gehasst habe, als ich die ersten depressiven Schübe hatte und meine Familie, weil sie maßlos überfordert war, mit Mitleid reagiert hat.
Ich find das heute noch schwierig, wenn mir dann jemand mit Mitleid ankommt, aber kann besser damit umgehen, als noch damals.
Findest du? Verachtung hat für mich sowas bewusstes, toxisches. Ich bin da eher bei HerrDirk und nehme Mitleid, sowohl bei mir, als auch bei anderen eher aus ner Situation der Überforderung wahr. Quasi ne Affektreaktion und weniger ne wertende Haltung.
Ein „Du bist so dumm, da hab ich Mitleid“ ist vermutlich eher negativ gemeint. Allerdings ist ein „Du bist so dumm, da hab ich Mitgefühl“ auch nicht besser
Ich persönlich finde wie schon gesagt „Mitgefühl“ auch die bessere Wahl, würde jetzt aber auch niemandem einen Strick draus drehen wenn mir jemand sein Mitleid ausdrückt
Der Satz fiel damals im Zuge des Umgangs mit Patient*innen und Angehörigen.
Mir ist der immer noch geläufig, da ich einige Punkte, die Oscar Wilde in „Der Sozialismus und die Seele des Menschen“ (ja, das gab es natürlich nicht in meinem Studium, das ist eher ein Interesse privater Natur) zu dem Konstrukt Mitleid hat, für valide halte und diese letztendlich eine solche Aussage und ihre Verteidigung erst ermöglichen. Aber ich glaube das führt in diesem Thread zu weit. Ich kann Wildes Essay nur empfehlen, hat er doch einige interessante Blickwinkel zu bieten, die auch heute noch aktuell sind.
Ich find die ganze Mitleidsdebatte offengesagt etwas sehr verkopft. Der Begriff Mitleid hat für viele tatsächlich einen eher negativen Beigeschmack bekommen, weil wir ihn in der Sprache oft eher sarkastisch oder von oben herab verwenden, wie in „Du bist so ein Ar***, ich bemitleide dich/du tust mir echt leid“.
Allein aber die menschliche Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, also den Schmerz eines anderen wie ihren eigenen wahrzunehmen, mit-zu-leiden und in der Folge den Wunsch zu haben, diesen Schmerz zu beenden statt einfach weiter draufzuhauen, draufzuballern oder die Kamera draufzuhalten und Sanitäter wegzutackeln, die einem ins Bild laufen, ist in meinen Augen etwas Gutes. Wäre schön, wenn mehr Menschen dazu in der Lage wären.