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#spitzestifte T.E.A.R.S. PUNK Vorgeschichte

So, weil ich legit eine Minute zu spät dran bin, möchte ich das jetzt wenigstens in nem extra Thread loswerden an diejenigen, welche solche Ideen immer interessieren.

Es war ein ungewöhnlicher Anblick, Brock Poxky lächeln zu sehen. Wenn man es denn überhaupt ein Lächeln nennen konnte. Vielmehr war es ein leicht nach oben verzerrter Mundwinkel, der auf dem sonst so emotionslosen und ebenmäßigen Gesicht des selbst erklärten Multimilliardärs lag. Weniger ungewöhnlich waren der schwarze Anzug, die Krawatte und die Sonnenbrille, von welchen manch einer behaupten mochte, sie wären mit ihm zusammen aus dem Mutterleib gepurzelt. Die silbrig-grauen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haare hätten den Eindruck eines Karl-Lagerfeld-Doubles perfekt machen können, wären da nicht die vergoldeten Ohrringe und Ketten um Hals und Unterarme, welche die ungefähre Summe Poxkys überfüllten Bankkontos an die Augen seiner Betrachter transferierten.

Doch nicht umsonst rühmte sich der als Unternehmer und Manager bekannte Agent mit Ruf und Reichtum. Nur wer in diesen harten Zeiten ehrgeizig dem Erfolg entgegenstrebte, der besaß auch eine Chance darauf, die Geschicke der Nachwelt entscheidend mitzubestimmen. Und was Poxkys Ansicht betraf, so erhöhte sich diese Chance zunehmend mit der Macht der gewählten Verbündeten.

Dies war auch der Grund, weswegen Poxky nun schon seit geraumer Zeit als Manager der „Bobo-Brüder“ fungierte. Nicht etwa, weil dies im Interesse seiner eigenen Devise war, sondern vielmehr, weil jemand anderes mit deutlich mehr Einfluss einen Haufen Kohle dafür hinblätterte, die vier für sich zu gewinnen. Und da kam er ins Spiel …

Gemächlich schlenderte Poxky den langen Gang der Braindead University entlang, welcher das großräumige Foyer mit der Sporthalle verband. Die Institution, deren Name früher definitiv nicht derselbe gewesen war, hatte schon bessere Tage erlebt, doch nach dem Ausbruch des Theodor-Evans-Anti-Radiation-Syndroms diente die Universität nun als Basis einer Vereinigung militanter Kleingruppierungen, welche sich den Gesetzmäßigkeiten der größeren Gemeinschaften vehement entgegenstellten – ein idealer Standpunkt für die Show der gruppierungslosen Bobo-Brüder also.

Die aufstrebenden Wrestling-Talente orientierten sich bei der Wahl ihrer Auftrittsorte nämlich am Leitsatz ihres Vaters. „Big Daddy Bobo“, ein seinerzeit verkannter Profi-Wrestler, war stets bemüht, sein Können einem breitgefächerten Publikum vorzuführen. Zudem verfügten die wirklich großen Gemeinschaften über eigene Sportler und waren zumeist nicht gewillt, „dahergelaufene Möchtegern-Athleten“ zu beschäftigen. „Wenn dieser ganze anarchistische Scheiß endlich vorbei ist, will ich nicht zu denen gehören, die beim machtpolitischen Ausknobeln den Kürzeren ziehen.“, hatte Big Daddy Bobo seine Ansicht einmal auf den Punkt gebracht.

Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt – und Papa Bobo gewann sehr häufig nicht. Seine Einstellung kostete ihn zu Lebzeiten nicht nur den guten Ruf, sondern ließ auch seine Ehe mit „Big Mother Bobo“ (zwinker Interpretationsfreiraum zwinker) scheitern, welche ihre Träume von Ruhm und Einfluss nicht so einfach begraben sehen wollte. So kam es, dass die Bobo-Brüder ausschließlich bei ihrem Vater aufwuchsen und keinerlei Erinnerungen an ihre Mutter behielten.

Endlich hatte Poxky den Vorraum zur Halle erreicht. „Bobo! Bobo! Bobo!“, schallte es dumpf hinter der geschlossenen Doppeltür hervor. Die Menge war heiß! Gezielten Schrittes bog der Manager links in einen kleineren Gang ab und gelangte zur Umkleide der Brüder. Auf der Tür war schwach die Aufschrift „WC Damen“ erkennbar. Er klopfte, öffnete und trat ein.

Da waren sie nun, die Bobo-Brüder.

Zur Linken auf der Bank saß Brontus, ein kleines Büchlein mit den handlich gekritzelten Buchstaben „ KARLENDER “ zwischen den wulstigen Fingern, welches in etwa so fehl am Platze wirkte wie eine Kopie der Freiheitsstatue auf Alcatraz. Die Bank bog sich gefährlich unter seinem Gewicht. Ihm gegenüber an der Wand saß Oleg, welcher das linke Bein übergeschlagen mit äußerst lethargischem Blick in irgendein Wörterbuch vertieft war. Erst beim zweiten Hinsehen bemerkte Poxky, dass er auf gar keinem Schemel, sondern dem Wok-Helm Bordos, dem ältesten der Brüder saß, welcher unter großem Geächze Kniebeugen mit der zusätzlichen Last vollführte. Aus der Dusche nebenan drang der Gesang des letzten der Truppe. Olaf musste gerade damit beschäftigt sein, sich für die heutige Show einzuölen.

„Hallo, Chef“, brummte Brontus und sah Poxky mit großen Augen an. „Wissen Sie was? Das 7. Kapitel ist echt der Hammer. Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass der Typ schon knapp 2000 Bücher rausgebracht haben soll.“

Innerlich schlug sich Poxky die Hand vor die Stirn. „Ich auch nicht“, antwortete er leichthin.

„Was, was, was?!“, machte Bordo und hielt in der Aufwärtsbewegung inne. „Geht’s los jetzt oder wie?!“

Der Manager nickte. „Die Menge tobt. Zeit, ihnen zu geben, was sie verlangen.“

„Na ja, die Eintrittspreise mussen Sie zuruckerstatten“, sagte Oleg mit seinem unnachahmbar russischen Akzent. „Und wenn Sie schon dabei sind, Sie konnen mir geben ein ordentliches Worterbuch. Snjatch – fur wie dumm halten Sie mich? Das ist doch nicht und nimmer Russisch, mon dieu!“

„Ist es Französisch?“, fragte Poxky. Oleg blickte irritiert.

„Sehen Sie? Also muss es Russisch sein.“ Dann und wann kam ihm der Umstand sehr gelegen, dass die Bodo-Brüder keine Ahnung davon hatten, wie viele Sprachen es tatsächlich gab.

„Was ist denn hier los?“ Zwei Meter glitschige Aaligkeit standen plötzlich breitbeinig und die Arme in den Seiten in der Tür zur Dusche. „Ist es denn schon soweit? Höre ich die Menge nicht schon unsere Namen kreischen?“ Schon bewegte sich Olaf auf die geschlossene Hallentür zu. „Worauf warten wir noch?“

„Wie ware es, wenn du dir vorher noch etwas anziehen tust?“, fragte Oleg. „Und dir den Hummer aus dem Schritt nimmst?“, fügte Brontus hinzu.

Olaf blickte an sich hinab. „Ach, Larry“, lachte er. „Was machst du denn da schon wieder?“

Poxky räusperte sich. „Nun denn, ich sehe, ihr kriegt das hier alleine hin. Ich kündige euch an, in fünf Minuten geht’s los.“ Eindringlich blickte er nochmal zu Brontus. „Und du, denk dran: Du musst Bordo mit viel Wucht in den großen Scheinwerfer befördern, sonst knallt’s nicht genug.“

„Geht klar, Chef“, entgegnete dieser.

„Ja! Wirf mich! Wirf mich!“ Bordo konnte es nicht erwarten.

Und Brock Poxky ebenso wenig.

„Meine Damen und Herren, ich präsentiere Ihnen: die Bodo-Brüder!“ Frenetischer Jubel.

Die ausverkaufte Halle bebte, als die vier Profi-Wrestler im Hamsterrad die Rampe zum Ring hinunterrollten. Und kaum waren sie angekommen, da ging es auch schon los. Zunächst galt es lediglich einige artistische Routinemanöver zu absolvieren.

Während Brontus mit seiner puren Masse das Top Rope bis zum Boden des Rings spannte, um Bordo im nächsten Atemzug bis an die Decke der Halle zu katapultieren, hielt Oleg das Publikum bei Laune, indem er den bäuchlings liegenden Olaf wiederholte Male die steile Rampe hinauf schubste und darauf wartete, dass dieser wieder zurückgerutscht kam.

Aufwärm-Routine – die Nummern brachten immer ein paar Lacher und boten den perfekten Einstieg in eine größtenteils ungeskriptete Show. Denn sobald irgendetwas schief ging, ging es erst so richtig los.

Dann kämpften die Brüder auch gegeneinander und überboten sich mit waghalsigen Angriffen und Manövern, als gäbe es kein Morgen. Hierfür brauchte es keine Story. Was es brauchte, waren vier geisteskranke Brüder, welche nichts lieber taten, als auf sich gegenseitig einzuprügeln.

Poxky legte die Beine hoch. Er hatte es sich abseits der Tribüne neben dem Eingang gemütlich gemacht und verfolgte das Spektakel. Im Gegensatz zum restlichen Publikum entgingen ihm die Gestalten, welche sich unauffällig von den Tribünen in die Gänge und an die Seite des Ringes begaben, nicht. Alles läuft nach Plan.

Zufrieden betrachtete er, wie Brontus schließlich den zappelnden und zeternden Bordo mit beiden Händen packte und in hohem Bogen in den riesigen Scheinwerfer neben dem Ring beförderte.

Es knallte ohrenbetäubend und die Lichter gingen aus.

Was zunächst mit ausgelassenem Jubel gefeiert wurde, ebbte schließlich ab. Hier und da hörte man Schläge wie von Keulen und Knüppeln – und plötzlich wurde es verdächtig ruhig in der Halle.

„Was ist los?“, fragte Olaf ins Dunkle. „Hat es euch glatt die Sprache verschlagen?“

„Könnte man so sagen“, murmelte Poxky mehr zu sich selbst.

Nun kam es zu ziemlichen Tumult im Ring. Schließlich wurden auch die Brüder von den mysteriösen Menschen attackiert.

Gemächlich schlenderte Poxky zum Lichtschalter.

Als es wieder hell wurde, war es ruhig in der Halle. Die Zuschauer lagen tot oder bewusstlos auf den Rängen und die Brüder regungslos im Ring.

„Und?“, erhob Poxky die Stimme. „Hab ich euch zu viel versprochen? Nun habt ihr die Brüder und die Braindead University.“

„Mother sollte dir dankbar sein“, krächzte eine Stimme hinter ihm. Poxky wirbelte herum und bekam prompt einen Schlag auf die Stirn. „Aber das wird sie dir selbst ausrichten.“ Ächzend ging er zu Boden und ihm wurde schwarz vor Augen.

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