Der Auskotzthread 11

Es war alles so gut geplant. Ich habe die Anfahrt auf der Karte genauesten studiert, bin am Wochenende sogar Probegefahren, um am wichtigen Tag sofort die Tür zu finden. Eine Bahn vorher als ich sonst nehmen würde, habe ich auch eingeplant.
Doch dann das: Eine alte Dame brach neben mir auf einmal zusammen, niemand unternahm was, doch Dank meiner Hobbys wusste ich sofort was zu tun war und dass jede Minute zählt! Sie hatte keinen Puls mehr, also begann ich sofort mit der Herzdruckmassage und bat Pendler um mich herum, den Rettungsdienst zu alarmieren.
Nach dieser ganzen Aufregung und Verfügung als Zeuge stellte ich fest, dass das Bewerbungsgespräch bereits seit 10 Minuten laufen sollte. Ich eilte also hinaus, stolperte und wurde bewusstlos.
Als ich aufwachte, war die Welt nicht mehr dieselbe… Ich muss sehr lange im Koma gewesen sein. Der Blick aus dem Fenster wirkte wie ein dystopischer Sci-Fi-Film. Aus der Ferne quoll Rauch, es brannte, große Maschinen pflügten ihren Weg durch die Straßen. Oder das, was davon noch übrig war…
Ein Arzthelfer kam in mein Zimmer, sprach russisch oder so, ich verstand nichts und schlief vor Überforderung wieder ein.
Nachdem ich kurz darauf erwachte, wagte ich die ersten Schritte aus dem Bett, sah genauer aus dem Fenster und lurte in den Gang hinein. Da dämmerte mir es… Ich schlich mich aus dem, was ein halb verfallenes Krankenhaus zu sein schien, hinaus, entdeckte auf der Straße von Windböen getragene alte Zeitungsausgaben und meine Befürchtungen bewahrheiteten sich: Ich lag einige Jahre im Koma und die Ukraine konnte den russischen Streitkräften nicht mehr standhalten. Trump wurde wiedergewählt und die EU brauchte zu lange, um sich zu einigen.
Ein dunkle Gestalt zog mich nichtsahnend in eine Seitengasse, hielt mir den Mund zu, doch ich konnte sowieso nicht schreien. Schlief ich vielleicht noch und hatte nur einen richtig realistischen Albtraum?
„Du kannst sie retten!“ rief mir die unbekannte Person mit weit aufgerissenen Augen zu. Ich hatte keine Ahnung, was er meinte. Eine weitere Gestalt tauchte auf und gemeinsam brachen sie eine Steinmauer zu meiner linken ein, Stück für Stück. Als sich der Staub legte, traute ich meinen Augen kaum. Es wirkte wie eine Art schwarzes Loch, strudelartig, welches am Rand bunt schimmernd kleine Bröckchen der übrigen Ziegel mitriss.
In kurzen, abgehackten Sätzen teilte man mir mit: „Keine große Zeit für Erklärungen. Unsere besten Forscher… Zeitportal… Musst Bürokratie besiegen! Monster, großes Unheil… Viel Glück“
Bevor ich richtig verarbeiten konnte, was er da gestammelt hat, spürte ich einen ruckartigen Stoß von hinten, taumelte ins Loch und wurde förmlich hineingesogen.
Ich wachte auf einem Gehsteig auf, niemand in meiner Nähe, die Luft klar, Vogelgezwitscher. Ich richtete mich auf und erblickte das Gebäude, welches ich gefühlt erst letztes Wochenende beim Auskundschaften meiner potentiell künftigen Arbeitsstelle zum ersten Mal gesehen hatte. Mein Anzug war unversehrt, nur etwas staubig an den Oberschenkeln. Kurz abgeklopft, schaute ich auf die Uhr. Fünf Minuten vorm Vorstellungsgespräch! Wie kann das sein, ich war doch zu spät…? „Zeitportal“ schoss es mir durch den Kopf. Kann das denn wahr sein?
Entschlossener denn je wollte ich diesen Job, ich fühlte, dass ich Wichtiges und Großes erreichen kann.
Und jetzt stehen wir hier. Also ja, gut hergefunden :beanfriendly:

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