Über Religion

Weder habe ich den mir anvertrauten SuS Bibel- oder Lehrverse zum Auswendiglernen gegeben, noch habe ich sie zum Beten gezwungen, noch wollte ich, dass sie zu meiner Weltdeutung kommen und sie für die einzig richtige erachte.

Ja, als ironischen Kommentar darauf, dass ich diesen Begriff so weder im Religionsunterricht erlebt habe noch ihn bewusst praktiziert habe. Anscheinend bist du indoktriniert worden, ich aber nicht. Und jetzt bin ich Pfarrer.

Kompetenzorientierung ist unwissenschaftlich? Wenn du hier etwas anderes für „Prinzip“ einsetzen willst, haben wir hier anscheinend wirklich zwei verschiedene Welten erlebten Religionsunterrichts.

Und auch guter Religionsunterricht hat genau das zu sein.

Genau. Idealerweise bringt man ihnen auch bei, konkrete eigenständige (!) Aussagen zu Religion zu formulieren (die nicht identisch mit der der Lehrkraft sein müssen). Eigene Thesen formulieren zu können ist für ein Werturteil immer besser als eine bloße Kritik anderer Aussagen - unabhängig vom RU.

Und das würde ich als massiven Einschnitt in mein Privatleben und meine Erziehung empfinden, wenn von staatlicher Seite kontrolliert würde, dass ich meine Kinder areligiös erziehe. Und erzähle mir nicht, dass du es gut finden würdest, wenn regelmäßig das Jugendamt bei dir auf der Matte stünde, um nachzuschauen, ob keine Kreuze an den Wänden hängen. Zumal dann ja auch die Frage wäre, wo man für eine Behörde definiert, wo strafbare religiöse Erziehung anfinge.

Und um die Frage nach Wissen oder Fürwahrhalten oder „glauben an“ geht es im Religionsunterricht ja auch nicht (oder nach den Schilderungen hier besser gesagt: In gutem Religionsunterricht sollte es nicht darum gehen). Das Christentum beschäftigt sich ja auch seit dem Mittelalter nicht mehr mit Gottesbeweisen. Sondern es geht im RU um das Hinterfragen und Urteilen, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Glauben und den entsprechenden Texten aussehen kann.

Ich lebe ihm weder vor, was es zu glauben hat, noch habe ich geschrieben, dass es „meine“ Religion kennen lernen sollte. Mein Kind soll die verschiedenen Aspekte von Religion kennenlernen und zu einem eigenen Werturteil dazu in der Lage sein. Und es könnte sich meines Erachtens nicht frei entfalten, wenn ich den religiösen Zweig in ihm von vornherein abschneide.

Tue ich das? Ich hab meinem Kind nie ein „Glaub das jetzt“ vorgesetzt. Und erst Recht kein „Das ist echt“. Und werde es auch nicht tun.

Weder funktioniert mein Glaube aus Angst, noch habe ich eine Abneigung gegen diese Menschen. Wie kommst du darauf?

Ja, hätte ich was gegen und widerspricht meinen Aussagen auch nicht, weil es darum nicht im RU zu gehen hat.

Nein, damit sage ich, dass mein Kind eine eigene Form von Religiosität entwickeln soll. Das schließt die Möglichkeit, a- oder anders religiös zu sein, mit ein.

Ich bringe ihm einfach bei, kein Arschloch zu sein. Dass es unterschiedliche Menschen gibt, die unterschiedliche Sachen glauben. Und dass unsere eigene Sicht der Dinge niemals absolut ist und dass es in Ordnung ist, in solchen Dingen anderer Meinung zu sein, zumal es eh mit vielen Kindern anderer Weltanschauungen konfrontiert sein wird. Und dadurch, dass ich durch meinen Beruf auch für etwas stehe, soll es in dieser Hinsicht kompetent und auskunftsfähig sein, wenn es nach einer eigenen Meinung gefragt wird.

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