Schwarzes Glas
Geliebte Tochter,
ich muss mich entschuldigen für das Unrecht, welches ich Dir angetan habe. Ich weiß, Du bist enttäuscht und wütend über mein Verhalten und Du verstehst nicht, weshalb ich dich zu deiner Tante aufs Land geschickt habe. Doch ich hatte keine Wahl und obwohl mich Dein Zorn mehr schmerzt, als alles Leid, welches ich je erfahren habe, so ist es doch zu Deinem eigenen Schutz.
Auch jetzt noch, in der Stunde meines sicheren Todes, bin ich versucht, Dich zu belügen. Manche Wahrheiten sind zu fürchterlich, um sie zu offenbaren. Dennoch, ich möchte Dich nicht zurücklassen, ohne zumindest den Versuch unternommen zu haben, Dir Rede und Antwort zu stehen.
Viele Jahre vor Deiner Geburt, noch bevor ich Deine Mutter kennenlernte, während meines Studiums, stieß ich auf eine Fußnote in einem halb verfaulten Manuskript. Ein Mönch hatte es im 12. Jahrhundert angefertigt und es war kaum mehr zu entziffern. Zeit und die Feuchtigkeit in den Katakomben hatten gnadenlos an ihm genagt. Der eigentliche Inhalt des Buches ist nicht weiter von Bedeutung, es war vielmehr die Fußnote, die mich interessierte. Sie verwies auf einen letzten Reisebericht der verlorenen Kreuzfahrer, von dem ich noch nie gehört hatte. Es war nur natürlich für einen wissbegierigen jungen Mann, wie ich einer war, dieser Sache nachzuforschen. Meine Professoren behaupteten, diesen Reisebericht hätte es nie gegeben. Er wäre eine Erfindung, wie überhaupt das meiste, was der fragliche Mönch von sich gegeben hatte. Früh sei er einer Krankheit des Geistes anheim gefallen. Seine Schriften wurden als das Gerede eines Wahnsinnigen abgetan. Meine eigenen Recherchen schienen dies zu bestätigen.
Noch eine Zeit lang dachte ich über den Mönch und seine seltsamen Schriften nach, dann widmete ich mich anderen Aufgaben. Erst einige Jahre danach, nur wenige Wochen nachdem ich deine Mutter auf dem Ball von Lord Hershey kennengelernt hatte, musste ich wieder an ihn denken. Clifford, ein Kollege und Freund aus Studientagen, der einige Zeit auf dem Festland unterwegs gewesen war, berichtete mir, er habe von einer spanischen Abschrift eines ungewöhnlichen Textes erfahren und er hielt die Chance für groß, dass es sich um den Text aus der Fußnote des Mönches handelte. Ich reiste sofort nach Spanien.
Tatsächlich, im hintersten Winkel eines heruntergekommenen Gemäuers fand ich ihn:
El último cuaderno de viaje de los cruzados perdidos, den letzten Reisebericht der verlorenen Kreuzfahrer. Clifford half mir bei der Übersetzung, war mein eigenes Spanisch doch nie mehr als akzeptabel gewesen. Die Details möchte ich dir ersparen, es waren wenig mehr als die entgleisenden Gedanken eines unter Dehydrierung und Unterernährung leidenden Tyrannen, den die Wüste ganz zu recht verschluckt hatte. Vieles darin war nicht mehr glaubwürdig, als die Behauptungen des Mönches. Doch wenn der Reisebericht tatsächlich existierte, was entsprach dann noch der Wahrheit? Gemeinsam mit Clifford suchte ich nach anderen Fetzen dieses verlorenen Wissens, immer wieder unterbrochen von anderen Verpflichtungen.
Ich heiratete Deine Mutter im folgenden Frühjahr und lebte gemeinsam mit ihr bis kurz nach Neujahr in der Nähe von London. Clifford suchte in Europa, gemeinsam mit Jack, einem weiteren Freund. Die Geheimnisse dieser alten Texte zogen uns in ihren Bann und es war fast so, als zögen sie uns magisch an. Mit großer Scham muss ich gestehen, dass es mir nicht schwer fiel, Deine Mutter allein in unserem kalten Haus zurückzulassen und wieder auf die Jagd zu gehen. Mein Verlangen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, war stärker als alle Liebe, die ich für sie empfand.
In Kairo fanden wir die letzten Mosaiksteine. Hieroglyphenabschriften aus dem Grab des königlichen Baumeisters und eine gut erhaltene Kopie der Miracula Aegypti, dem einzigen Werk des römischen Legaten Andronius. Wir konnten unser Glück nicht fassen und nicht für einen Augenblick verschwendeten wir einen Gedanken daran, ob es überhaupt Fortuna war, welche uns bis zu diesem Punkt geführt hatte. Die Wunder Ägyptens offenbarten uns Dinge, die wir nicht für möglich gehalten hätten, Unglaubliches und Schreckliches. Was dort geschrieben stand, ich werde es niemals vergessen können. Unser Weltbild zerbarst in einem einzigen Moment.
Wir brachen sofort auf. Obwohl ich es versprochen hatte,für den Fall eines längeren Aufenthalts, schickte ich keine Nachricht nach London. Mir kam nicht einmal der Gedanke an Deine Mutter.
Wir fuhren den Nil hinunter, nun zu siebt. Clifford, Jack, Obrien, McMillan, Litchfield, der treue Gaspar und meine Wenigkeit. Es sollte einer der heißesten Sommer in der Geschichte des Landes werden. In den sonnengegerbten Gesichtern meiner Begleiter, unter ihren schweißgebadeten Brauen, erkannte ich dasselbe brennende Verlangen, welches auch mich umtrieb. Bald schon war es schmerzhaft, verbrannte uns von innen heraus mit diesem schrecklichen Drang. Wir fuhren weiter und keiner sprach über die fürchterliche Angst und die Schmerzen, die uns Nachts wachhielten. Nichts war von so großer Bedeutung wie diese Entdeckung. Wir hätten allen Gefahren getrotzt, Leib und Leben geopfert, eigenes und fremdes. Immer wieder musste ich an den alten Mönch denken, der sein Leben sabbernd und lallend in einer vergessen Zelle seines Klosters beendet hatte, von seinen Ordensbrüdern gefürchtet und gemieden, an das wahnsinnige Geschwätz der Kreuzritter, an den Legaten Andronius, der seine Micula Aegypti in Menschenhaut gebunden haben soll und dafür am Kreuze gerichtet wurde. Waren wir den wirklich Entdecker? Oder folgten wir nur einem jahrtausendealten Pfad durch die Wüste, in den blutigen Sand getrieben von anderen Verdammten, so wie wir es nun waren.
Ich begann zu trinken, genau wie meine Begleiter und es dauerte nicht lange, bis wir zu stärkeren Giften zu griffen. Längst hatte ich alle Hoffnung aufgegeben. “Der Nil ist für uns Styx geworden.”, so lautet meinen Eintrag für den Tag, als wir endlich unser Ziel erreichten. Es dämmerte schon und doch sattelten wir die Pferde. Keiner hatte die Geduld bis zum Morgen zu warten. Jede Sekunde die uns trennte von unserem Ziel war eine Qual. Es war sehr kalt in dieser Nacht, wie es in der Wüste oft ist, aber keiner von uns fror. Niemand sprach ein Wort, selbst die Pferde blieben still. Ich wollte meine Freunde um Verzeihung bitten für die Hölle, in die ich sie unabsichtlich gestoßen hatte, doch nichts kam über meine ausgetrockneten, blutigen Lippen.
Es war ohnehin bedeutungslos. Als wir über die letzte Düne ritten, als wir unser Ziel dahinter erblickten, da fiel all der Schmerz von uns ab wie die Ketten von einem Gefangenen, den man endlich freilässt. Wir stiegen ab und starrten, McMillan bekreuzigte sich, Clifford und ich fielen auf die Knie. Alle weinten, bis heute weiß ich nicht, ob aus Freude oder Wut oder Schmerz. Die Tränen brannten auf meinen wunden Lippen. Niemand beachtete die Pferde, die wieherten und scheuten und dann in der nächtlichen Wüste verschwanden. Es war uns egal. Wir hatten unser Ziel erreicht.
Vor uns erhoben sich Flanken aus Obsidian aus dem Wüstensand, spiegelglatt und glänzend auch noch nach mehr als dreitausend Jahren. Die Spitze, von Meisterhand aus Gold gefertigt, strahlte im Licht des Mondes wie das Leuchfeuer einer fernen Küste. Meine Worte können dem Anblick nicht gerecht werden. Die schwarze Pyramide des Achmotop. Was nur ein Hirngespinst weniger Verrückter gewesen war, lag nun in all seiner Pracht direkt vor uns. Zum ersten Mal seit Tagen schliefen wir für mehr als nur ein paar Stunden, schliefen im Schatten dieses einzigen, wahrhaften Weltwunders, welches alle anderen Lügen straffen musste.
Bereits am nächsten Tag drangen wir in das Innere der Pyramide vor. Jack hatte sie schon am Vormittag vermessen und unsere Vermutung bestätigt, dass ihre Ausmaße alle bekannten Pyramiden übertrafen. Den Eingang markierten zwei schwarze Obelisken. Wir hebelten die schweren Steine auf und legten den Gang dahinter frei, dessen Wände, Decke und der Boden aus demselben schwarzen Material gefertigt waren wie die Außenhaut und genauso makellos. Im Licht unserer Petroleum-lampen schien es uns, als würden silbergraue Rauchschwaden unter der Oberfläche entlang gleiten.
Der Gang führte uns im flachen Winkel nach oben bis zu einer zweiten Tür. Dahinter verbarg sich die Grabkammer. In meinem ganzen Leben hatte ich nie eine solche Ansammlung von Schätzen erblickt und seitdem auch nie wieder. Keiner von uns hatte das. Die Grabkammer selbst war eine quadratische Halle, gestützt durch vier Säulen um ein Podest in der exakten Mitte des Raumes. Auf diesem Podest ruhte ein Sarkophag. Die äußere Schicht beider Teile war aus jeweils einem einzigen Stück Kristall geschnitten worden, so massiv, dass sich der Blick darin verlor und den toten König nicht preisgab. Um den Sarkophag herum türmten sich die Reichtümer, die Achmotep im Leben besessen hatte. Gold, Silber und Geschmeide, Edelsteine in allen Farben und auch solchen, die ich nie zuvor gesehen hatte. Waffen und Kleidung, Schalen und Trinkbecher, ganze Streitwagen und die mumifizierten Körper der Pferde, aufbewahrt in ihren eigenen Gefäßen. All diese Schätzen strahlten in einem gleißenden Licht, das durch eine von außen nicht sichtbare Öffnung einfiel. Die spiegelglatten Wände warfen es tausendfach zurück, die Grabbeigaben genauso und gemeinsam schufen sie ein Licht, stärker als die hellste je konstruierte Lampe, ein Licht wie eine zweite Sonne. Keiner konnte sich lange am Anblick des Schatzes erfreuen, so sehr stach es in unsere Augen.
Hätte ich doch niemals dieses Manuskript gefunden. Hätte ich doch niemals meine Gier, und was sonst ist schon Neugier, meinen Verstand beherrschen lassen. Sie wären noch am Leben und Du könntest jetzt bei mir sein, geliebte Tochter und ich könnte Dich Lachen sehen.
Jack starb als Erster, einen Tag nach unserer Ankunft. Gaspar fand ihm an nächsten Morgen. Sein Gesicht war zu schrecklichen Fratze verzerrt, die Augen aufgerissen und aus den Höhlen getreten, der Mund in einem stummen Schrei aufgerissen. Dünne Würgemale liefen um seinen Hals und ich musste an Finger wie Spinnenbeine denken, lang und spitz.
Wir begruben ihn und fertigten ein Kreuz aus seinen Zeltstangen. Dann kehrten wir zu unserer Arbeit zurück. Ich kann mich nicht erinnern, dass sein Tod mich besonders getroffen hätte. Er war mir gar nicht richtig bewusst, so beschäftigt war ich mit dem Vermächtnis der schwarzen Pyramide.
Litchfield starb in der Nacht darauf, auf dieselbe Weise. Er fand seine letzte Ruhe zur rechten von Jack. Jemand schlug vor, Wachen einzuteilen, aber keiner von uns hatte die Kraft, in der Nacht wachzubleiben. Langsam aber sicher nahmen unsere Lethargie und Schwäche zu.
Das Licht begann an uns zu zehren. Erst sehr viel später kam ich zu der Erkenntnis, dass kein lebender Mensch dieses Licht jemals hätte sehen dürfen. Es drang durch uns hindurch, glitt in uns hinein, wie dünnste Fäden aus Gold. Es vergiftete unseren Verstand, umklammerte ihn unnachgiebig wie die Hand eines Königs sein Zepter umfasst. Manchmal fühle ich es auch heute noch.
Immer öfter ertappte wir uns dabei, wie wir minutenlang in das Vulkanglas im Inneren der Pyramide starrten und immer öfter erkannten wir dabei Formen in den Reflektionen unter der Oberfläche. In der dritten Nacht weckten uns Cliffords Schreie aus der Grabkammer. Wir haben nie erfahren, was er dort zu finden hoffte. Ich stürzte als erster ins Innere. Was ich dort sah, ich kann es nicht beschreiben. Es gibt kein Wort in keiner Sprache, um das Entsetzen zu beschreiben, welches von meinem Herzen in diesem Moment Besitz ergriff. Im Angesicht von Cliffords Schicksal, Gott sei seiner armen Seele gnädig, fiel der verderbliche Einfluss des Lichts von mir ab. Ich wusste, ich konnte ihm nicht helfen und genauso wenig konnte ich bekämpfen, was dort, Millennia und allen Gesetzten der Wissenschaft trotzend, das Leben aus seinem Leib quetschte. Auf dem Absatz machte ich kehrte und scheuchte den kümmerlichen Rest unserer Expedition den Gang hinunter und hinaus in den Sand. Gemeinsam hievten wir die schweren Steine wieder vor den Gang und mit allerletzer Kraft rissen wir den linken Obelisken um, um den Eingang zu versperren, auf das Grab wieder Grab ward.
Bei bestem Willen kann ich nicht sagen, wie wir es zurückgeschafft haben zu unserem Schiff. Ich bin mir nicht einmal sicher, wie ich zurück nach London gekommen bin. Meine erste richtige Erinnerung bist Du, meine Tochter, in den Armen deines Großvaters.
Du hast keinen Grund, mir zu glauben, doch alle diese grauenhaften Ereignisse haben tatsächlich stattgefunden. Ich beschwöre Dich, lies diesen Brief und vergiss ihn dann. Manchen Geheimnissen darf man nicht nachspüren. Manches sollte vergessen bleiben.
Es wird schon Nacht. Lange kann es nicht mehr auf sich warten lassen. Meinen Revolver trage ich schon seit Tagen bei mir. Wenn ich sterben muss, dann will ich meinen Tod wenigstens so finden,
wie ich hätte leben sollen, aufrecht und stolz.
Ich werde diesen Brief Gaspar mitgeben. Er war mir immer ein treuer Diener und wird mir auch diesen letzten Dienst nicht verweigern.
Du bist das einzige, was ich in meinem verfluchten Leben richtig gemacht habe.
Bete für mich, geliebte Tochter, bete für meine verlorenen Seele.
Dein Vater
Auszug aus der Tageszeitung The Guildham Telegrapher
Am späten Abend des gestrigen Tages fand der Wissenschaftler und Archäologe Wilhelm Glover seinen Tod. Er wurde von einem unbekannten Angreifer in seinem Arbeitszimmer ermordet. Der Hausdiener kam ebenfalls zu Tode, als er ins Haus zurückkehrte und den unbekannten Täter bei der Flucht ertappte. Wie aus anonymer Quelle berichtet wird, handelt es sich bereits um den dritten Überfall auf einen Wissenschaftler innerhalb von drei Tagen, nachdem am Montag bereits Doctor Obrien in London und am Dienstag James McMillan in Yorkshire auf dieselbe Art stranguliert wurden. Die einzige Tochter der Familie Glover, Amanda, wurde angeblich zuletzt im Hafen von London gesehen, von wo aus sie das Land in Richtung Afrika verließ.
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