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[Archiv] Autorenwettbewerb #1

26,8 Jahre

Ein Mann saß auf einem Stuhl in der Einöde. Bis zum Horizont sah man nur rötlichen Staub, der gelegentlich vom Wind aufgewirbelt wurde und es war unmöglich zu sagen, was der Mann vorhatte oder worauf er wartete. Er wusste es tatsächlich selbst nicht so richtig.
Er saß einfach da und schaute in den Himmel, in dem man nur ein paar dünne Wolkenfetzen erkennen konnte, während der feurige Stern unbarmherzig glühend seine Bahn zog.
Am späten Nachmittag schließlich, vernahm er ein Geräusch. Ein lautes Donnern schallte über ihn hinweg und der Mann - Toben war sein Name - stand auf. Ein dunkler Punkt war weit über ihm zu erkennen, der schnell immer größer wurde. Toben berührte den Stuhl und er faltete sich zu einem handlichen Würfel zusammen, den er in seinen Rucksack steckte. Dann wartete er.
Was nun ein paar Minuten später passierte, konnte man beruhigt erstaunlich nennen. Ein Raumschiff der Größe eines Kleinfamilienhauses landete vor ihm. Das war aber weniger erstaunlich, weil es sich um ein Raumschiff handelte, sondern eher, weil es ein nagelneues zu sein schien. Die Außenhülle war sauber und lackiert, hatte keine Dellen, Kratzer oder mit Metallplatten überschweißte Stellen. In Anbetracht dessen, mit wem er hier verabredet war, war ihm das suspekt. Für gewöhnlich reiste sie mit den billigsten Schrottkisten, mit denen sie aus unerfindlichen Gründen ihr Ziel immer unbehelligt erreichte.
Toben hatte sich immer geweigert in so einem Kasten mitzufliegen. Er fürchtete darin einen grausamen Tod zu finden und es am Ende doch immer getan, obwohl er es hasste. Diesmal hätte die Entscheidung eigentlich viel einfacher sein sollen, doch es war ihm völlig klar, dass es hier unmöglich mit rechten Dingen zugehen konnte.
Eine Luke öffnete sich an der Seite des Schiffes und eine Leiter kam herruntergefahren. Über ihm stand die verrückte und einzigartige Chloe.
“Na.”
Toben schüttelte fragend den Kopf. “Kannst du mir das irgendwie erklären?”
“Erst, wenn du an Bord bist.”
“Besteht die Möglichkeit, dass ich das bereuen werde?”
“Jap.”
“Könnte es sein, das ich von ein paar mies gelaunten Typen gefangen genommen, gefoltert und dann getötet werde?”
“Definitiv.”
“Hast du irgendeinen Plan?”
“Sicher, den erzähle ich dir, sobald wir im Orbit sind. Also los!”
Er machte auf der Stelle kehrt und marschierte davon. Er ging lieber eine Woche durch die Wüste als an Bord dieses Schiffes. Wozu brauchte sie ihn überhaupt? Für gewöhnlich musste er dafür sorgen, dass nichts unterwegs kaputt ging. Dieser Raumer schien makellos zu sein.
“Ach komm, warte doch mal!”, rief sie. “Ich habe einen Androiden!”
Er blieb stehen und legte den Kopf ungläubig zur Seite und wurde sauer.
“Hast du nicht!”
“Schau her.”
Er drehte sich widerwillig um. Es war unfassbar, aber da war wirklich ein Androide, wo zuvor Chloe gestanden hatte. Und noch dazu einer der neuesten Generation.
“Was zum… wo hast du das alles her?”
“Komm an Booooord”, sang sie verführerisch.
Fiese, unfaire Frau, dachte er. Sie hatte es wieder geschafft.
Kurz darauf saß er auf einem der Sitzplätze direkt hinter dem Cockpit, neben dem Androiden. Während Chloe damit ausgelastet war sie vom Planeten zu manövrieren, knetete Toben nervös seine Hände und schielte immer wieder zu der intelligenten Maschine hinüber.
“Du also… äh… du bist also ein A.I.A.? Version 4.2, oder?”
Der Androide drehte ihm auf so ungelenke und starre weise das Gesicht zu, dass es ihm kalt den Rücken runterlief.
“Das ist korrekt. Und du bist ein Mensch, männlich”, gab er selbst mit einer monotonen, männlichen Stimme zurück.
Toben nickte eifrig. “Ja! Haben sie bei dir auch schon eines der neuen, künstlichen, neuronalen Hirne verbaut?”
“Auch das ist korrekt, zusammen mit einem Cube-Core und einem Speicher, der alle nötigen Kernheuristiken von MIVAC enthält.”
“Das ist ja unglaublich! Ich habe leider nie einen Androiden getroffen, mich aber immer sehr dafür interessiert. Eure Fähigkeiten sind einfach… und eure Kraft! Wie stark bist du? Warte! Hast du auch die… Kernheuristiken… von…”
So langsam dämmerte ihm, was der Roboter zu ihm gesagt hatte. Ein breites Grinsen erschien auf dem künstlichen Gesicht. “Du hattest mit allem recht.”, lachte er. “Wirklich mit allem.”
Chloe gackerte ebenfalls auf ihrem Pilotensitz und Toben spürte wie er rot anlief.
“Ihr habt mich verarscht! Du bist kein scheiß emotionsloser Roboter, sonder ein richtiger A.S.I.A.! Eeech, ich hätte da bleiben sollen, das ist mir zu blöd.”
“Ach komm, war doch nur ein kleiner Scherz.” Er gab ihm einen freundlichen Klapps gegen den Arm. “Ich heiße übrigens Feynman.”
“Toben, aber das weißt du sicher schon. Also… erzählt mir einer von euch, wo dieses Schiff herkommt und was ich hier soll?”
Die anderen beiden wechselten Blicke. “Nun ja, ich hatte vor dieses Schiff zu stehlen und du lagst auf einer möglichen Fluchtstrecke. Da dachte ich, falls ich einen fähigen Techniker brauche…”, erklärte Chloe.
“Was? Du hast einen Androiden. Was kann ich, das er nicht kann? Wieso muss ich überhaupt mit?”
Sie blieb ihm eine Antwort schuldig, denn etwas zog ihre Aufmerksamkeit auf sich.
“Unsere neuen Freunde sind da.”
Toben schaute auf die Scheibe des Cockpits , die gleichzeitig ein Bildschirm war. Wenn er sich nicht verguckte, wurden sie von fast zwanzig Raumschiffen abgefangen und zu seinem schrecken erkannte er auch eines der Modelle.
“Das sind Reißer und nur das Militär hat solche Dinger! Was hast du getan?”, fragte er entsetzt. Chloe zuckte nur mit den Schultern.
“Nichts, nur dieses Schiff gestohlen.”
Währenddessen kam ein Funkspruch, der sie dazu aufforderte, sich zu ergeben.
“Jaha, wahrscheinlich. Muss ein sehr wichtiges sein. Weißt du was passiert, wenn die auf ernst machen?”
“Wenn ihnen das Schiff so wichtig ist, werden sie wohl kaum auf uns schießen. Der Antrieb ist eh gleich aufgeladen, dann sind wir weg.”
“Ich würde sagen: Das ist ist eine solide, logisch gültige Schlussfolgerung und ich bin ein Computer.”, warf Feynman ein.
“Das ist alles kein Scherz mehr. Was ist wenn etwas gefährliches an Bord ist? Dann würde ich uns auch lieber zerstören, als es dieser Frau zu überlassen!” Er zeigte auf Chloe und war sich damit sicher, alle Gegenargumente zerschlagen zu haben.
Wieder eine Warnung über Funk und diesmal klang sie sehr bedrohlich.
“Sie machen ihre Waffen scharf.”, sagte Feynman. “Chloe, mach dich bereit, die meinen es wirklich ernst.”
Toben schluckte schwer.
“Sie feuern! Los!”
In leichter Panik schlug Chloe ihre Hand aufs Pult und auf den Knopf für den Sprungantrieb, in der Hoffnung, dass er genug Saft bekommen hatte. Unmittelbar folgte ein fürchterlicher Schlag gegen Tobens Kopf und ihm wurde schwarz vor Augen. Er kämpfte damit bei Bewusstsein zu bleiben. Aus der Ferne drang eine Stimme zu ihm. Erst schwach, doch dann verstand er etwas und ein synthetisches Gesicht erschien direkt vor seinem eigenen.
“… du mich hören? Toben? Ah, da bist du ja.”
“Was w- das?”, brachte er nur irritiert hervor. “Sind wir tot?”
“Androiden kommen wohl kaum ins Totenreich, also denke ich eher nicht.”, hörte er Chloe geschwächt sagen. Auch sie hatte es erwischt.
“Dem Computer zufolge sind wir gesprungen. Wenn ich mir aber so die Sensordaten ansehe, kann das nicht ganz stimmen.”
“Sprich Klartext, Feynman.”
“Okay, ich hab mal alles geprüft und durchgerechnet. Es wird euch nicht gefallen. Die Sensoren sind etwas unpräzise, aber offenbar bewegen wir uns mit ungefähr 0,999999994815162342 facher Lichtgeschwindigkeit.”
“Das ist unmöglich. Wir hätten springen müssen. Du hast doch den Sprungknopf gedrückt?”
“Nun… es könnte sein, dass ich vor Schreck mehrere Knöpfe erwischt habe…”
“Selbst wenn, es hätte uns zerschmettern müssen.”
Der Androide hob einen Finger. “Anscheinend verhindert ein Kraftfeld, dass das passiert.”
“Toll, da hat wohl jemand an alles gedacht. Dann gibt es bestimmt auch irgendwo einen Ausschalter.”
Feynman schüttelte den Kopf und hielt seine Hand demonstrativ gegen die Rückwand der Kabine. “Nach dem Start hat sich das Antriebssystem abgeschottet. Ich kann keine Eingaben mehr machen oder Befehle zusenden. Es gibt nur regelmäßig ein paar Messwerte aus. Demnach wird das Kraftfeld nach ungefähr… einem Tag nachgeben.”
“Und dann?”, fragte Toben, der die Antwort bereits ahnte.”
“Dann ist entweder eine Systematik verbaut, die das Schiff stoppt… oder wir lösen uns in unsere Einzelteile auf.”
“Dieser Ausflug wird einfach immer schlimmer, ich will in meine sichere Wüste zurück.”
“Das kannst du auch noch, wenn dieser Flug hier vorbei ist. Wir würden dann vermutlich auch nicht mehr gesucht werden. Also wenn wir das überleben, natürlich.”
“Wie meinst du das?”, fragte Chloe. “Ach, Zeitdilatation…”
“Richtig. Bei der Geschwindigkeit vergeht die Normzeit knapp zehntausend mal schneller, als für uns. Das heißt nach unserem Tagesausflug sind für alle anderen fast siebenundzwanzig Jahre vergangen.”
Toben klappte der Mund auf und er starrte Feynman ungläubig an. “Siebenundzwanzig Jahre… “
“Nicht mal ich kann ausrechnen, wie weit fortgeschrittener die Technologien sein werden.”
“Ey, das ist doch super! Ich wollte schon immer mal ‘ne Zeitreise machen. Außerdem haben wir dann auch gleich ein Schiff. Ein Neuanfang.” Chloe glühte regelrecht vor Vorfreude.
“Falls wir überleben. Und man kann nur in eine Richtung Zeitreisen, also gibt es kein zurück. Außerdem ist das nicht genug Zeit, dass uns jede Person und jede Datenbank garantiert vergessen haben wird.”, erklärte Toben und bremste ihren Elan. “Also können wir nichts tun, als zu warten?”
Feynman nickte und setzte sich wieder auf seinen Platz. “Ich fürchte ja.”
“Gut, nützt ja alles nichts.” Mit diesen Worten klappte er seinen Sitz nach hinten und schloss die Augen. Fünf Minuten später war er eingeschlafen und gab regelmäßig ein leises Pfeifen von sich.
“Er regt sich die ganze Zeit auf und beschwert sich, kann aber einfach einschlafen, obwohl wir bald verrecken könnten.”, flüsterte Chloe kopfschüttelnd zu Feynman, der nur mit den Schultern zuckte.
Den restlichen Tag schliefen sie, überprüften die Messwerte oder unterhielten sich. Dabei lag der Fokus besonders auf Spekulationen über die Zukunft. Den beiden Menschen fiel vor allem auf, als wie außergewöhnlich sich Feynmans Intellekt herrausstellte. Er vereinte Kreativität mit der Fähigkeit, viele komplizierte Berechnungen anstellen zu können.
Schließlich näherten sie sich dem entscheidenden Punkt.
“Schnallt euch an. Ich rechne damit das genau so gebremst wird, wie beschleunigt wurde - das heißt, wenn alles funktioniert. Mehrere Dutzend Mikrosprünge im Bruchteil einer Sekunde.”, empfahl ihnen Feynman.
Dann ging ein zittern durch das Schiff. “Es ist soweit.”
Toben’s Gedanken rasten. Waren das seine letzten Momente? Eingesperrt mit einer Irren und einer Maschine, die wertvoller und fähiger war als tausend Menschen? Aber was hatte er schon zu verlieren… er hatte keine Familie, sein Job war schlecht bezahlt und er langweilte sich oft. Das war auch der Grund, weshalb er sich immer so leicht zu solchen Abenteuern hat überreden lassen. Vielleicht war er diesesmal zu neugierig gewesen und bezahlte jetzt dafür. Das Schiff erbebte erneut, dieses mal heftiger. Dann nochmal, direkt gefolgt von einem üblen Knall und Schlag, ähnlich schon wie beim Start.
Wie sich herrausstellte, hatte es tatsächlich eine Automatik gegeben.
“Ein Glück…”, seufzte Toben.
“Den Sternkonstellationen nach sind wir wie erwartet circa siebenundzwanzig Lichtjahre weit gereist. Also springen wir wie abgemacht nach Mintauri? Kara sollte groß genug sein, um eine Vorstellung vom Jetzt bekommen zu können.”
“Habe die Koordinaten bereits eingegeben.”
“Drück bitte diesmal nur den richtigen Knopf!”
“Ja, ja…”
Sie mussten noch etwas warten, um den FTL abkühlen zu lassen. Dann sprangen sie. Sie landeten erfolgreich in dem knapp dreißig Lichtjahre entfernten System und nahmen mit den Sublichttriebwerken Kurs auf Kara.
Doch als sie näher kamen fiel ihnen auf, dass etwas nicht stimmte.
“Was ist das?”
Chloe zeigte auf den Planeten und Toben schnallte sich ab, um sich nach vorne beugen zu können.
“Kannst du was erkennen, Feynman?”
Die Augen des Androiden waren wesentlich besser.
“Feuer… die Städte stehen in Flammen. Und das da…”, er zeigte woanders hin “… das sind Schiffe der Vereinten Flotte. Sie sind schwer beschädigt und ohne Energie.”
“Sie wurden angegriffen! Es gibt niemanden, der so was schaffen könnte.”
Feynman hob wieder seinen Finger. “Du meinst es gab niemanden. Wir haben nur ein Viertel der Galaxie kartographiert.”
“Dieser Tag toppt echt alles”, sagte Toben emotionslos. “Was machen wir jetzt?”
“Wir machen weiter, würde ich sagen. Als erstes brauchen wir was zu essen. Ich habe Hunger.”
“Zur Not könnt ihr euch ja gegenseitig essen”, scherzte Feynman.
Toben seufzte. Was solls, dachte er. Was soll jetzt noch spannendes passieren.

* A.S.I.A. - Artificial Sentient Intelligence Avatar
* FTL - umgspr. für Überlichttriebwerk

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Im Saal der fliegenden Bücher

„Derek, Derek!“, rief Melanie aufgeregt. Das kleine Mädchen flitzte die enge, mit Teppich bekleidete Treppe hinauf. „Flauschig“, nannte sie diese und brachte damit regelmäßig ihre Familie zum Schmunzeln. Eilig klopfte sie an die Zimmertür ihres großen Bruders.
Bevor dieser auch nur „nein“ rufen konnte, hatte sie die Tür schon aufgestoßen und hielt Derek jetzt eine zerfledderte Ausgabe des „Evening Standard“ vors Gesicht. „Das hab’ ich heute gefunden.“, verkündete sie stolz.
Derek, in seiner Ruhe gestört, riss seiner Schwester mürrisch die Zeitung aus der Hand und suchte den fantastischen Fund, den sie angekündigt hatte. „Ich hab’s sogar eingekreist. In Rot.“
In der unteren rechten Ecke, fast vollständig zwischen Werbung für Handytarife verborgen, stand eine kleine, kursiv gedruckte Annonce:
_besuchen Sie _
die weltberühmte Ausstellung
Saal der fliegenden Bücher
noch einen Tag im Tate
an der Londoner South Bank
„Gehst du mit mir dahin? Bitte bitte!“, fragte Melanie mit großen Augen.
Derek rümpfte die Nase. „Was soll denn das sein? Klingt öde. Verzieh dich, ich muss lernen!“
Und damit warf er sie raus. Die Zeitung flog hinterher und landete auf ihrem Kopf. „Du bist so gemein!“, schrie sie die Tür an, die mit einem Knall zugefallen war. Ihr Bruder konnte ein richtiger Idiot sein. Die Kleine verschränkte die Arme vor der Brust und zwang sich, nicht in Tränen auszubrechen. Mutter und Vater waren in London unterwegs und sie, mit acht Jahren die Jüngste der Familie, durfte nicht ohne Begleitung in die Stadt fahren. Von Lewisham, der nächsten Haltestelle, brauchte man ungefähr 20 Minuten nach London Bridge. Von da konnte sie eigentlich schon laufen, oder mit der Northern Line nach Southwark fahren. Trotzdem hielten es ihre Eltern für zu gefährlich, alleine durch Central London zu laufen. Mr. Und Mrs. Wilmshurst waren in diesem Punkt sehr streng. Aber, und das war jetzt das Wichtigste: Sie waren gerade nicht da!
Nachdem Melanie die wichtige Anzeige wiedergefunden und die Zeitung, die ihre Finger mittlerweile mit billigem Toner blau verfärbt hatte, zerknüllt und vor Dereks Tür gelegt hatte, machte sie sich auf die Suche nach einer Oyster Card. Mit der blauen Checkkarte konnte sie schnell an ihr Ziel gelangen, ohne vorher am Automaten eine Fahrkarte ziehen zu müssen.
Glücklicherweise wurde sie schnell auf dem Schlüsselbrett fündig.
Eilig packte Melanie ihren Rucksack. Es war kurz nach neun. Der Tate würde um zehn öffnen und sie wollte möglichst viel von der Ausstellung sehen.
In ihre dunkle Harry-Potter-Tasche wanderte eine Wasserflasche, Kekse, der Haustürschlüssel und „The Horse and its Boy“, ihr Lieblingsbuch. „Wer weiß? vielleicht kann ich es auch zum Fliegen bringen.“, überlegte sie leise.
Das abgegriffene, braune Buch der Narnia-Reihe gehörte zu ihren wertvollsten Besitztümern. Es war das Erste, das sie je gelesen hatte.
Seit ihrem sechsten Geburtstag verschlang Melanie alles Geschriebene, das sie in die Hände bekam. Sie liebte Bücher, so sehr, dass ihr Bruder manchmal scherzhaft behauptete, sie „sei im falschen Jahrhundert geboren worden“. Das blonde Mädchen schüttelte dann ihren Kopf, sodass ihre Zöpfe hin- und herschwankten. „Vielleicht leben in diesem Jahrhundert einfach die falschen Menschen!“, gab sie dann frech zurück und streckte ihm die Zunge raus. Und selten hatte Derek dafür ein Comeback parat.
Melanie überprüfte noch einmal, ob sie alles dabei hatte und stahl sich dann leise aus der Tür. Der Tag hatte grau und eintönig begonnen, doch als sie in der Bahn saß, brach die Wolkendecke mit einem Mal auf. Das Mädchen lehnte sich im Sitz zurück und starrte aufgeregt aus dem Fenster. Das gleichmäßige Rattern des Zuges und die typisch englische Stille im Waggon machte sie ein wenig schläfrig…
Aber einschlafen konnte sie jetzt nicht! Sie hatte ihr Ziel klar vor Augen. Der Saal der fliegenden Bücher wartete auf sie. Und heute war der letzte Tag, an dem sie ihn besuchen konnte. „Next Stop: London Bridge.“, tönte die weibliche Ansagerstimme aus den Lautsprechern. „Please Mind the Gap between the train and the platform.“
Es war Samstag und nicht wirklich viel los. Unter der Woche war der Zug stets mit Pendlern vollgestopft, doch heute waren nur wenige Leute unterwegs. Melanie stieg aus und schloss sich dem kleinen Strom an, der an den blauen Flügeltüren stoppte. Nach kurzem Piepen des Kartenlesers bewegte sich der Strom weiter. Kurz blieb Melanie vor dem „Shard“ stehen, dem Wolkenkratzer, der sich tatsächlich wie eine übergroße Scherbe in den Himmel bohrte.
Die Glasoberfläche glitzerte im Licht der Vormittagssonne, als würde das riesige Gebäude ihr zuzwinkern.
Melanie riss sich vom Anblick los und begann ihren Weg durch die engen Gassen, die zur South Bank führten. Hier waren die Wege auf einmal überfüllt mit Touristen, lauten, unhöflichen, mit Kameras ausgerüsteten Menschen, die viel Geld bezahlten, um einen Ort zu sehen, den täglich tausende Menschen sahen und Fotos von Sehenswürdigkeiten zu schießen, die es schon aus jedem Blickwinkel und jeder Tageszeit mindestens eine Million Mal gab. Melanie konnte mit Touristen nichts anfangen. Sie waren Fremdkörper in einem sonst sehr ruhigen Ökosystem, mit wenig Sinn für örtliche Etikette. Und so quetschte sie sich durch die träge Masse der Besucher, vorbei an Shakespeares Globe und der Millenium Bridge, die sie jedes Mal aufs Neue an Harry Potter erinnerte.
Und schon stand sie vor dem Tate Modern, dem Museum, das früher ein Elektrizitätswerk gewesen war. Dementsprechend imposant ragte es in die Höhe, mit dem gigantischen Turm genau in seiner Mitte. Melanie hielt sich nicht lange auf, kämpfte sich weiter durch die Touristenmassen und gelangte schließlich in den zweiten Stock, wo sich die Ausstellung befinden sollte. Das weiß der Wände wurde immer wieder unterbrochen von Projektionen und Infotafeln, aber keine Spur vom Saal der fliegenden Bücher.
Melanie wanderte den Korridor ein paar mal suchend auf und ab, konnte aber nirgendwo einen Hinweis auf die Ausstellung finden.
Gerade wollte sie resigniert aufgeben, als ihr plötzlich ein kleiner Seitengang auffiel. Komisch. Den musste sie wohl zuvor übersehen haben. Gespannt schlüpfte sie in den schmalen Gang, an dessen Ende eine große, mit Schnitzereien verzierte Tür stand. Rechts davor saß auf einem kleinen Hocker ein Mann. Als Melanie vorsichtig näher kam, merkte sie, dass er leise schnarchte. Melanie räusperte sich. „Hallo?“, fragte sie laut. Der Mann schreckte aus seinem Schlaf hoch und schaute sie verwundert an. „Hallo junge Dame. Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte er verschlafen, aber freundlich. Er hatte ein Doppelkinn, seinen Kopf zierte eine Halbglatze und er trug eine Brille mit kreisrunden Gläsern. Er kam ihr bekannt vor, sehr sogar. Verwundert sah sie ihn an. „Ist das hier der Eingang zum Saal der fliegenden Bücher?“, fragte sie. Der Mann lachte freundlich. „Ach so. Ich dachte nicht, dass die tatsächlich noch jemand sehen will. Weißt du, diese Ausstellung gibt es schon seit 16 Jahren, seit das Museum eröffnet wurde. In der ganzen Zeit hat kaum ein Mensch je den Weg hierher gefunden. Deshalb habe ich beschlossen, sie für einen letzten Tag zu besuchen…“
„Ich muss ehrlich gestehen, ich habe bis heute noch nie davon gehört.“, sagte das Mädchen. „Ich bin übrigens Melanie. Und du?“
Der freundliche Mann nahm ihre ausgestreckte Hand und schüttelte sie. „Clive. Ich bin zwar eigentlich auch nur Besucher, aber ich kenne die Ausstellung schon lange. Komm herein, ich führe dich herum.“
Mit diesen Worten öffnete er die Tür und bedeutete Melanie, einzutreten. „Diese Ausstellung dient seit jeher einem Zweck: Den Wert der Literatur zu feiern. Ich habe das Gefühl, dass Geschriebenes heutzutage immer mehr an Bedeutung verliert. Das ist absolut grässlich, findest du nicht?“, meinte Clive. „Absolut!“, pflichtete ihm Melanie bei.
Der Raum war in Dunkelheit gehüllt, bis der Künstler einen Schalter umlegte und das kleine Mädchen sprachlos zurückließ. Im sorgfältig arrangierten Licht sah man zahllose Bücher, die sich schwerelos im Raum zu bewegen schienen. Sie bewegten sich auf und ab und schienen hin und wieder in der pechschwarzen Decke zu verschwinden, die wie ein schwarzes Loch über dem Saal hing. Die Wände waren mit griechischen Säulen verziert. Es war wunderbar. „Können in diesem Raum alle Bücher fliegen?“, fragte Melanie aufgeregt. Clive hob eine Augenbraue. „Wie meinst du das?“, fragte er zurück. Wie aufs Stichwort kramte das Mädchen jetzt ihr Lieblingsbuch hervor und reichte es Clive. Der lächelte. „Ein wundervolles Buch.“, verkündete er.
„Du hast es gelesen?“
„Fast. Ich habe es geschrieben.“
Wie bitte?
„Aber… aber…dann bist du ja C.S. Lewis. Das geht doch gar nicht.“, stammelte sie.
Der alte Mann sah ihr über den Rand seiner Brille in die Augen. Dann sagte er: „Stimmt. Eigentlich ist das völlig unmöglich. Und trotzdem stehe ich hier. Melanie, ich bin aus einem ganz besonderen Grund hier. Ich habe diesen einen Tag nicht umsonst ausgewählt. Es ist der eine Tag, den ich noch einmal auf dieser Erde verbringen kann, um jemandem von der Magie der Worte zu erzählen. Das ist der eigentliche Zauber dieses Saals.
Es ist eine völlig abstrakte, ganz und gar magische Ausstellung, die allein durch Vorstellungskraft und Worte zusammengehalten wird.“
„Ich verstehe das nicht.“, meinte Melanie verwirrt.
„Dann will ich es dir ganz einfach erklären. Hast du schon einmal von einer Giraffenschildkröte gehört?“, fragte Clive. „Nein. Wieso?“, fragte Melanie zurück. „Ich auch nicht. Und trotzdem weißt du ganz genau, wie sie aussehen würde, oder?“
Und wirklich. Als Clive das Wort gesagt hatte, war in ihrem Kopf sofort das Bild eines Schildkrötenpanzers entstanden, aus dem ein langer, gelb-braun-gefleckter Hals guckte. Sie kicherte. „Siehst du? Mit Worten kann man alles erschaffen. Und jetzt lassen wir dein Buch fliegen, ja?“, lächelte der Autor. Melanie klatschte entzückt in die Hände, als er das Buch öffnete, sodass die beiden Hälften wie zwei Flügel aussahen, und es schließlich in der Luft losließ. Sofort fing es an, zu flattern und gesellte sich zu seinen Geschwistern, die überall im Saal ausgelassen herumflogen.
Der Tag ging viel zu schnell vorbei. Melanie und ihr Lieblingsautor setzten sich auf eine Marmorbank und sahen den Büchern beim Spielen zu. Dabei erzählte Melanie ihm von all den Büchern, die sie verschlungen hatte und Clive gab ein paar Vorschläge zum besten, was sie noch lesen könne.
Der Abend nahte und Melanie wurde zunehmend schläfriger. „Clive?“, fragte sie gähnend. „Was ist denn, Fräulein Sonnenschein?“, gab dieser lächelnd zurück. „Kann ich durch Worte auch meinen Bruder dazu bringen, nicht immer so gemein zu sein?“, wollte sie nun wissen.
Clive sah eine Weile nachdenklich in die Ferne.
Dann sagte er schließlich: „Auch wenn es dir manchmal nicht so vorkommt: Für deinen Bruder bist du das Wichtigste, was es auf der Welt gibt. Du hättest sehen sollen, wie er als kleiner Junge geweint hat, als er dich zum ersten Mal im Arm hielt. Er hat dir deinen Namen gegeben, weißt du? Und eigentlich kann er überhaupt nicht böse auf dich sein. Im Moment scheint er ein bisschen gestresst, vor allem wegen der Schule…“
„Woher weißt du das?“, fragte Melanie erstaunt. C.S. Lewis lächelte geheimnisvoll. „Gib ihm ein bisschen Zeit. Und vergiss nie, welche Macht in Worten steckt.“
Melanie blinzelte ein paar Mal und streckte sich auf der Bank zum Schlafen aus. Sie gähnte noch einmal herzhaft und schlief dann ein. Clive nahm seine Brille ab und steckte sie in seine Hemdtasche. Dann deckte er das Mädchen mit seinem Jackett zu und verschwand leise.
„Melly? Melly!“
Melanie öffnete verwirrt die Augen. Sie lag auf einer Bank im Hauptflur des Tate. Neben ihr stand Derek, außer Atem und aufgeregt. „Melly! Mein Gott, habe ich mir Sorgen gemacht!“, rief er und drückte die kleine Schwester an sich. „Manmanman, mach das nie wieder, ja? Ich fahre dich auch überall hin, wo du willst. Mama und Papa sind schon ganz außer sich…“
Melanie kuschelte sich müde an die Schulter ihres Bruders und murmelte zufrieden. „Was sagst du? Lass uns nach Hause gehen, Melly…“, meinte ihr Bruder leise. Das Mädchen hob noch einmal den Kopf und flüsterte ihm ins Ohr: „Weißt du, was eine Giraffenschildkröte ist?“
„Nein. Hab ich noch nie gehört.“, antwortete Derek und grinste aufgrund des komischen Bildes.
„Aber du siehst sie, oder?“

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Das Paket

»Öffnet ihr es nun oder nicht?« Sie blickte die beiden auffordernd mit ernstem Gesicht und verschränkten Armen an, so wie sie es immer tat, wenn sie sich unsicher fühlte.
»Nur zu.« antworte Tim mit einem herausfordernden Grinsen, das mehr in den Ecken seiner Augen als an seinen Lippen wirkte.
»Ich werde das sicherlich nicht öffnen!« entgegnete sie aufgebracht.
»Warum nicht?«
»Och, naja, zum einen habe ich gerade meinen Brieföffner verlegt und zum anderen steht da fucking nochmal »Don’t Open, Dead Inside!« drauf!« fuhr sie Tim an, wobei die letzten Wörter fast in ein Schreien übergingen.
»Keiner öffnet das, klar?« sagte Joel beruhigend zu den beiden anderen und blicke zunächst Nara und dann Tim ins Gesicht. Er richtete seinen Blick wieder auf das Paket, das auf dem Tisch zwischen ihnen stand. Es war ein gewöhnliches Paket aus einem gewöhnlichen hellbraunen Karton, verschlossen mit gewöhnlichem Paketklebeband. Das einzig Ungewöhnliche war die mit einem schwarzen Edding und in Versalien geschriebene Botschaft auf der Oberseite des Pakets: »Don’t Open, Dead Inside«. Adressiert war es an die Bewohner ihres Hauses, ein Absender fehlte jedoch auf dem etwa fußballgroßen Paket.
»Was machen wir denn sonst? Rufen wir die Polizei?« fragte Nara.
»Nein, die halten uns doch für verrückt.« ergänze Tim. »Wir liefen das Ding einfach selbst bei den Bullen ab, dann ist es deren Problem. Sollen die das doch öffnen und mit Cthulhu kämpfen. Wir könnten schnell Martins Roten Baron nehmen und die Sache ist für uns erledigt.«
»Quatsch, wir fahren doch wegen so etwas nicht zu den Bullen. So wie du fährst, würden die dir wahrscheinlich deinen Führerschein schon abnehmen, bevor wir überhaupt da sind.« Joel schüttelte den Kopf, schien aber auch keine andere Idee zu haben, was sie nun tun sollten.
»Wenn wir wenigstens wüssten, von wem das Paket ist.« bemerkte Nara, noch immer mit verschränkten Armen.
»Ja…« stimmte Tim zu und sagte dann plötzlich: »Halt mal, hier steht eine Adresse.« Er beugte sich ein wenig näher zum Paket vor und kniff die Augen zu, als ob er einen nur schwer lesbaren Text entziffern wollte. »P. Sherman, 42 Wallaby Way, Sydney.«
»Oh man, du bist ja so witzig!« fauchte ihn Nara an und stieß ihn ein Stück zur Seite.
Die drei blickten eine Weile nachdenklich auf das Paket herunter. Nach einer Weile sagte Tim grinsend: »Vielleicht ist ja Schrödingers Katze drin.«
»Ja, oder Tom Hanks Ball ›Wilson‹.« erwiderte Nara amüsiert.
»Oder Olli Schulz.« sagte Tim lachend.
»Oder ein MacGuffin.« sagte Nara zwinkernd.
»Das wäre aber ziemlich lahm.« entgegnete Tim. »Was war eigentlich noch mal in dem Paket in ›Sieben‹ drin?«
»Keine Ahnung mehr…« sagte Nara mit grübelndem Gesicht und fragte dann: »Gab es nicht auch mal bei den Simpsons Kisten, die in Paralleluniversen geführt haben?«
»Das war bei Futurama. Aber vielleicht ist da ja auch deine Aufnahmebestätigung für Hogwarts drin.«
Nara kniff böse ihre Augen zusammen. »Die kommt mit einer Eule, du…«
»Habt ihr dann jetzt alle popkulturellen Referenzen durch?« unterbrach Joel die beiden genervt.
»Vielleicht ist da ja auch das abgesaugte Fett von Joels Mutter drin.« erwiderte Tim halblaut.
»Hatten wir nicht gesagt: Mutter-Witze nur noch, wenn sie gut sind?« fragte Nara.
»Sag mal, haltet ihr das alles für einen verdammten Witz?« fuhr Joel die beiden an.
»Mein Gott, was soll denn schon Schlimmes drin sein?« fragte Tim.
»Möglicherweise eine Paketbombe? Oder Milzbrand?« entgegnete Joel aufgebracht.
»Korrekt. Und vorsichtshalber weisen die Terroristen auf den tödlichen Inhalt ihrer Postsendung hin, nicht dass sie hinterher noch Ärger mit ihrer Versicherung bekommen.«
»Gut. Dann öffne es doch.« forderte Joel Tim auf.
»Das habe ich damit auch nicht gesagt…« erklärte Tim kleinlaut und wich ein Schritt vom Paket weg.
»Aber Tim hat nicht Unrecht.« sagte Nara. »Jeder kann diesen Mist da drauf gekritzelt haben. Das muss gar nichts bedeuten. Und wir bekommen hier Schiss, nur weil vielleicht der kleine Sohn vom Paketboten in seiner Langeweile die Pakete verziert hat.«
»Nun.« sagte Joel. »Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder wir glauben, dass sich damit jemand nur einen schlechten Scherz erlaubt hat. Dann sollten wir das Paket jetzt öffnen. Oder wir glauben, dass es gefährlich ist. Dann sollten wir uns vielleicht nicht gerade in der Nähe von dem Ding aufhalten.« Joel schien in den Gesichtern der anderen beiden lesen zu wollen, wofür sie sich entscheiden. Schließlich fragte er: »Also?«
»Öffnen.« sagte Tim und scheiterte bei dem Versuch, dabei entschlossen zu klingen.
Nara schluckte, verschränkte wieder die Arme und setzte ihr ernstes Gesicht auf. Schließlich sagte sie leise »Öffnen.«, was jedoch mehr nach einer Frage als nach einer Antwort klang.
»Alles klar.« sagte Joel.
Keiner der drei rührte sich. Nach einer quälend langen Zeit sagte Tim schließlich: »Glücklicherweise treffen wir ihr alle Entscheidungen nur mit der größten Überzeugung und Tatkraft.« Daraufhin trat er langsam etwas näher zum Tisch und führte seine seine rechte Hand zu dem Paket. Die Zeit schien mit jedem Zentimeter, den er sich dem Paket näherte, langsamer zu vergehen. Obwohl er die Situation vollkommen lächerlich fand, schien seine Hand ein wenig zu zittern. Die beiden anderen beobachteten ihn angespannt und schienen sich auf alles vorzubereiten.
Tims geöffnete, inzwischen sichtbar zitternde Hand bewegte sich vorsichtig zu einer Ecke des Pakets, an der er es näher zu sich heran ziehen wollte. Sein Daumen berührte die eine Seite, seine übrigen Finger die andere Seite des Pakets, als sich im Innern des Pakets etwas zu bewegen und gegen den Karton zu schlagen schien. Er zuckte blitzschnell zurück und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Stelle, an der kurz zuvor noch seine Hand lag.
»Hat sich das Paket gerade bewegt?« fragte Joel, der erschrocken auf das Paket starrte.
»Da… ist etwas drin.« flüsterte Tim mit trockenem Mund. Es klang, als ob er für das Aussprechen jedes einzelnen Wortes einer großer Anstrengung bedurfte.
»Willst du uns verarschen?« fragte Joel und blicke Tim böse an.
Wütend und fassungslos schrie Tim ihn an: »Was?«
»Dieselbe Scheiße hast du doch auch beim Gläserrücken abgezogen!«
»Pass mal auf.« entgegnete Tim, immer noch wütend. »Erstens war das damals Martin und zweitens habe ich mich eben mehr erschreckt als ihr!«
Nara stimmt ihm zu: »Das Ding hat sich wirklich bewegt… glaube ich.«
»Also ich fasse das nicht nochmal an.« sagte Tim kopfschüttelnd mit Blick auf das Paket.
»Also wenn da etwas Lebendiges drin ist, wissen wir jetzt immerhin, dass es nicht Schrödingers Katze ist.« sagte Nara trocken.
Joel sagte resignierend: »Warten wir einfach auf Martin. Immerhin ist das Paket ja an alle Bewohner adressiert.«
»Ja, wo ist der eigentlich? Wieso nimmt der ein Paket an und öffnet es dann nicht?« fragte Tim.
»Was?« Joel schaute Tim schockiert an. »Martin ist doch noch in Hamburg. Ich dachte, du hättest das Paket angenommen?«
»Nein.« sagte Tim kopfschüttelnd und blickte die beiden anderen verzweifelt an. »Es stand schon vorher da.«
»Alles klar.« sagte Joel und stieß ein böses Lachen aus. »Nicht nur, dass wir hier ein offenbar tödliches Paket haben, das sich bewegt. Es weiß noch nicht mal jemand, wie es hier hergekommen ist?«
Wieder starrten die drei auf das Paket, inzwischen aber deutlich verängstigter. Nach einer langen Pause murmelte Tim mehr zu sich, als zu anderen: »Vielleicht ist da ja Martin drin…« Die beiden anderen starrten ihn fassungslos an. »Ich…« Tim stotterte. »Ich mein ja nur… sein Kopf… würde da reinpassen…«
»Wow.« sagte Nara kopfschüttelnd. »Das ist wirklich ein Tiefpunkt. Selbst für dich.«
»Irgendjemand treibt hier ein krankes Spiel mit uns.« sagte Joel.
Plötzlich hörten sie, wie ein Schlüssel in ihre Haustür gesteckt wurde und sich die Tür langsam zu öffnen begann. Ein Mann erschien in der Tür, die er leise hinter sich schloss. Er kam langsam und vorsichtig näher und schien die drei noch nicht bemerkt zu haben. Er schien entkräftet und hatte rote Augen, sein Haar war zerwühlt. Die drei wichen vor ihm zurück, als ob sie sich nicht in seiner Gegenwart aufhalten dürften.
»Martin…« begann Nara, einerseits erleichtert, ihn zu sehen, und andererseits schockiert, ihn so zu sehen.
Martin hielt sich eine Hand vor den Mund und blickte sie an, wobei es wirkte, als ob er sie nicht richtig wahrnehmen würde. Er schaute in dem Zimmer umher und blieb mit seinem Blick an dem Paket auf dem Tisch hängen. »Nein!« schrie er. »Nein, nein, nein!« wiederholte er, immer lauter und verzweifelter schreiend. Er sank entkräftet in einen Sessel und begann völlig enthemmt an zu weinen. Seine Tränen suchten sich ihren Weg durch die Finger, mit denen er seine Augen beschirmte.
Joel kam auf ihn zu. »Martin. Was ist los?« Joel sah ihn mit einem Blick an, den sie bei ihm noch nie gesehen hatten. Noch nie hatte Joel so verängstigt ausgesehen. Martin reagierte jedoch nicht. Er blieb weiterhin in dem Sessel sitzen und weinte zitternd. Joel wollte ihm die Hand zur Beruhigung auf die Schulter legen, konnte jedoch die Kraft dazu nicht aufbringen.
Plötzlich sagte Tim: »Ich weiß, was in dem Paket ist.«
»Weil wir es schon längst geöffnet haben.« sagte Nara mit der gleichen plötzlichen Klarheit.
Die drei drehten sich wieder zum Tisch um, auf dem das geöffnete Paket stand. Mechanisch gingen sie auf das Paket zu. Es war leer.
»Ich hätte es verhindern können…« murmelte Martin.

Während er das Geschenk vorsichtig in das Paket legte, las sie die Karte laut vor: »Alles Gute, Bruderdude. Da du unglücklicherweise an deinem Geburtstag deine Prüfung hast und ich deine Fahrfähigkeiten kenne, hat Sookie dir zum Trost extra noch ein paar von ihren weltbesten Keksen gebacken. Lass mir und den anderen ein paar übrig. Sollte es unerwartet doch noch mit dem Lappen geklappt haben, weißt du ja, wo du den Schlüssel für den Roten Baron findest. Oder du wartest damit auf mich, ist ja nur ein Tag. Liebe und Hass, Martin.« Sie blickte ihn an. »In der Karte schwärmst du von meinen Keksen und außen aufs Paket schreibst du, dass sie giftig sind?«
Martin lächelte sie an. »Ach, das mit dem »Dead Inside« ist doch nur ein Scherz. Das werden die schon richtig verstehen, keine Sorge.«

»Wegen einem Tag. Wäre ich einen verdammten Tag früher gekommen.« sagte Martin zu sich selbst.

»Oh man, ich liebe diese Keske!« Tim hatte das Paket erst halb geöffnet, langte aber bereits mit seinem Arm in das Paket und zog die Tüte mit den Keksen heraus.
»Was soll der Spruch?« fragte Joel und wies auf die mit Edding geschriebene Botschaft auf dem Paket.
»Was weiß ich.« erwiderte Tim und schob sich bereits einen Keks in den Mund. Mehrere Krümel fielen aus seinem halb geöffneten Mund, als er ergänzte: »Wahrscheinlich irgendeine Referenz aus einer seiner dummen Serien. Game of Thrones vielleicht.« Er riss das Paket ein Stück weiter auf und angelte die Karte heraus. Er überflog sie grinsend und sagte dann zu den beiden anderen: »So, damit ist es offiziell! Ich darf seinen Roten Baron fahren! Wer kommt mit ins ›Two Whales?‹ Ich lade ein!«
»Was? Als ob er dich den Baron fahren lässt!« sagte Joel und zog ihm die Karte aus den Fingern, um sie selbst zu lesen.
»Also ich werde mit dem Ding sicherlich nirgendwo hinfahren.« erwiderte Nara abwehrend. »Ich bekomme ja schon halbe Zusammenbrüche, wenn Martin mit dem Ding fährt. Es gibt nur einen Menschen auf der Welt, der die Schrottkarre halbwegs beherrscht und selbst bei dem bin ich mir nicht sicher.«
»Ich bin mit Martin in dem Ding gefahren, seit er es sich hat andrehen lassen. Ich beherrsche das Ding besser als er!«
»Du hast es aber nie selbst gefahren.« entgegnete Joel.
»Jetzt darf ich es aber. Heute 8:23 Uhr auch staatlich genehmigt. Also was ist jetzt mit euch?«

»Nein.« Tim schüttelte den Kopf. »Du bist nicht Schuld.«

»Tritt mal ein wenig auf die Bremse.« sagte Joel erregt.
»Ich versuch’s doch!« sagte Tim panisch.
»Ich dachte, nur die scheiß Kupplung ist im Arsch?«
»Ja, eigentlich schon. Aber die Bremse reagiert jetzt auch nicht mehr!« Sie sahen, wie Tim mit einem Fuß panisch auf die Bremspedale trat.
»Oh Gott, halt an!« schrie Nara hinter ihnen.
»Das Ding blockiert!« schrie Tim zurück.
»Brems!« schrie nun auch Joel, bevor sie an der Biegung endgültig von der Straße abgekommen waren und mit vollem Tempo auf den Baum zurasten.

Tim spürte wie die Realität stärker wurde. Wie er, der längst keine Realität mehr war, verdrängt wurde. »Du bist nicht Schuld!« wiederholte er schreiend. Martin reagierte nicht. Er konnte ihn nicht hören, ihn nicht wahrnehmen. Tim war nicht bei ihm. »Du bist nicht Schuld!« schrie er ein letztes Mal, bevor die Realität mit voller Kraft in das Zimmer flutete, es ausfüllte und Martin allein zurück blieb.

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Der Tunnel

Frank legte sich in sein hartes Bett. „Ein Tag noch“, dachte er, bevor er einschlief. Dies war zumeist sein letzter Gedanke nach einem harten Tag und einer noch härteren Nacht. Das Graben war zu seinem einzigen Lebenssinn geworden. Der Tunnel, der sich unter seinem Bett versteckte, war selbst vor der Vollendung sein einziger Ausweg.

Er konnte sich nicht mehr erinnern wann er mit dem Graben angefangen hatte, obwohl er die Zeit vor dem Tunnel durchaus nicht vergessen hatte. Die ersten Monate waren schwer gewesen und er hatte niemanden gefunden der ihm aushalf oder ihn anleitete. Also hielt sich Frank zurück, blieb so unauffällig wie er nur sein konnte, und wurde trotzdem nicht selten zum Opfer auserkoren. Es war wenig überraschend, dass der Gedanke an eine Flucht bereitwillig in seinem angsterfüllten Bewusstsein aufkeimte. Die Flucht war nur ein Hoffnungsschimmer, eine Reflexion der leuchtenden Versprechungen des Tunnels, wie er später feststellen würde. Doch ein Schimmer reichte aus, um sich am Leben festzuklammern.

Die anderen Gefangenen lachten ihn aus, wenn er sie darauf ansprach. Noch nie sei jemand geflohen, sie würden ihn garantiert erwischen, was wolle er überhaupt da draußen. Selbst die Wärter amüsierten sich nur, wenn sie ihn überhörten, anstatt sich besorgt zu zeigen und ihn zu ermahnen. Frank gab nicht auf und brütete über dieses eine Wort – Flucht – bis die Lösung von alleine zu ihm kam. Er war im Hof und saß, wie immer, am Rand und beobachtete die Anderen. Er sah niemanden direkt an, ließ vielmehr seinen Blick, beim Versuch die kleine Welt zwischen den Zäunen als Ganzes zu erfassen, schweifen. Da fielen ihm zwei stämmige Männer auf, die mit ihren Füßen emsig den Boden beackerten. Sie arbeiteten prustend und keuchend und die Vertiefung in der harten Erde wuchs weiter. Ein Wärter war inzwischen ebenfalls auf sie aufmerksam geworden und ihm gefiel nicht was er sah. „Hey“, schrie er, den Zeigefinger anklagend erhoben, “lasst den Scheiß.“ Die Männer blickten unbeeindruckt zu ihm auf, sahen sich an und gingen achselzuckend davon. Frank erfuhr nie warum sie gegraben hatten, und der Vorfall wiederholte sich nicht. Aber eine Idee war geboren – der Tunnel. Noch in der selben Nacht schaute er sich in seiner kleinen Zelle um, bis er sich auf eine Stelle im tiefen Schatten seines Bettes festlegte.

Bei seinem Werkzeug konnte er nicht wählerisch sein. Es gab keine Werkstatt, wo die Gefangenen tagsüber beschäftigt wurden, und keiner von ihnen durfte in der Krankenstation oder der Kantine arbeiten. Auf geschmuggelte Waren konnte er ebenso nicht zurückgreifen, denn er hatte keine Kontakte. Er kannte niemanden, auch wenn er mittlerweile all ihre Namen und von ihren Geschichten wusste.
Frank hatte das Glück, dass zu seiner Zeit noch Besteck aus Stahl verwendet wurde. Viele Jahre später würde der Stahl Aluminium weichen, und noch später billigem Plastik. Dann wäre Frank’s Plan womöglich zum Scheitern verurteilt gewesen, aber zu seiner Zeit hatte er alles um seine Idee alleine zu verfolgen. Als er den ersten Löffel verstohlen in seine Unterhose gesteckt hatte, hatte er gezittert, und in dieser ersten Nacht hatte er lange gezögert bis er zum ersten Schlag ansetzte. Der Stahl drang ein und die Wand krümelte darunter weg, doch das Geräusch dieses ersten Schlages erschien ihm so laut, dass er zurückschreckte und den Rest der Nacht mit pochendem Herzen im Bett verbrachte. Der Schall hallte lange in seinen Ohren nach.

Von Nacht zu Nacht war er mutiger geworden, arbeitete eifriger und länger. Die Umrisse des Tunnels wurden sichtbar und schon bald war eine großflächige Vertiefung entstanden, die er lächelnd in der Dunkelheit abtastete. Je tiefer sie wurde, umso selbstbewusster wurde er. Der Gedanke an die kommende Nacht erhellte seine Tage und er wunderte sich manchmal ob es je einen glücklicheren Gefangenen gegeben hatte.

Den Schutt loszuwerden, der sich unter seinem Bett anhäufte, war erstaunlich einfach gewesen. Er stopfte sich jeden Morgen die Hosentaschen voll und entleerte sie heimlich, wenn er im Hof auf der abgelegensten Bank saß. Äußerlich behielt er seine Gewohnheiten bei, wenngleich jeglicher Respekt oder gar Angst vor den Wärtern stiller Verachtung gewichen war. Sie waren träge, unaufmerksam und zu selbstsicher, fast schon selbstgefällig. Trotz allem achtete er darauf nie die Vorsicht zu vernachlässigen und die Anderen so zu unterschätzen wie sie ihn. Er versteckte immer seine Handflächen und die Blasen, die in jeder Nacht erneut aufplatzten, und so war aus der flachen Vertiefung in der Wand ein schulterbreites Loch geworden.

Die Anderen bemerkten weiterhin nichts, doch sie spürten vielleicht eine Veränderung in Frank und ließen ihn in Frieden. Der neue Häftling kam ihnen da gerade recht. Es war ein junger Mann, ungefähr so alt wie Frank als er damals eingetroffen war. Die Jugend war nicht das einzige was Frank wiedererkannte. Der Junge war unerfahren, scheu und die Angst sprach aus seinen unruhigen Augen. Selbst sein schmächtiges Aussehen erinnerte ihn an sein jüngeres Ich, und er empfand zu seiner Überraschung mehr als nur einen Hauch von Mitleid. Seine Mitgefangenen fühlten anders. Sie schikanierten und terrorisierten den Neuen wie und wo es nur ging. Frank beobachtete und sah wie wenig von seinen Rationen in der ersten Woche übrig blieb. Er wusste auch wie sich die blauen Flecken anfühlten, die sich unter seinen Klamotten versteckten.
Als er sich nicht mehr zurückhalten konnte, war gerade eine Gruppe von Männern um den Neuling herum handgreiflich geworden. Frank visierte den Größten von ihnen an, der den gnadenlosen Hieb in seine Flanke nicht kommen sah. Die Anderen rissen ihre Augen auf und wichen erstaunt zurück. Frank hatte genug Zeit, um einem Weiteren einen Kinnhaken zu verpassen, bevor sie sich auf ihn stürzten. Er brachte noch einige zu Boden, ehe die Wärter ihn retteten. Der Junge hatte wie angewurzelt zugesehen.

Frank verbrachte eine Woche im Krankenbett, eine weitere in Isolation. Die Verletzungen waren schmerzhaft, aber sie machten ihm nichts aus. Die Zeit ohne seinen Tunnel verbringen zu müssen kam ihm hingegen wie eine weitere lebenslängliche Strafe vor. Er schritt durch die winzige Zelle und seine Hände tasteten die Wand nach den vertrauten unregelmäßigen Kanten des Tunnels ab. Diese vergebliche Suche trieb ihn zur Verzweiflung und beinahe zum Wahnsinn.
Als er in seine Zelle zurückkehren durfte konnte er die Nacht kaum erwarten. Er beschloss nie wieder etwas zu riskieren, was seinen Tunnel in Gefahr bringen könnte. Am nächsten Tag kam der Junge, um sich bei ihm zu bedanken, und Frank nickte nur abweisend ab. Er zog sich von nun an noch weiter zurück. Nur nachts wurde er aktiv, kroch immer tiefer in die Dunkelheit und rammte sein verschlissenes Werkzeug gegen die graue Wand bis ein weiteres Stückchen herausbrach. Später legte er sich ermüdet ins Bett und hoffte, dachte, glaubte, dass er nur noch einen Tag überstehen musste, bevor er die Wand endlich durchbrach.

So vergingen die Nächte und Tage für Frank und der Tunnel wuchs. Sein Werkzeug nutzte sich ab oder zerbrach und er besorgte sich am nächsten Tag routiniert einen Ersatz, und grub weiter. „Nur noch ein Tag“ war zu seinem Mantra geworden. Die Tage wurden zu Jahren, aber Frank spürte kaum wie ihn die Zeit ein- und überholte. Aus Frank war der alte Frank geworden, aber sein Tunnel wuchs weiter. Seine verkrusteten Hände gingen immer noch voller Lebenskraft ans Werk, bevor er sich auf die ausgeleierte Matratze fallen ließ.
„Ein Tag noch.“ Dann war aus dem alten Frank nur der Alte geworden. Kaum ein Wärter war noch geblieben, der sich an seinen ersten Tag erinnerte. Kaum ein Gefangener, der seinen Namen noch kannte. Der Alte wurde in Ruhe gelassen, wenn er im Hof oder in der Kantine ein Nickerchen machte. Und der Tunnel wuchs weiter.

Die Anderen hätten ihm mit Bestimmtheit gesagt, dass sein Tunnel nirgendwo hinführte, und dass er sich umsonst abmühte. Keiner von ihnen hätte erwartet, dass einer der grauen Brocken eines Nachts in die falsche Richtung fallen und mit einem spitzen Klirren auf einen metallischen Untergrund landen würde. Frank war nicht überrascht. Er presste sein Gesicht gegen die zerkratzte Oberfläche und schaute durch das kleine Loch. Auf der anderen Seite befand sich ein horizontaler Schacht. Neben den rostigen Rohren war gerade genug Platz für einen kauernden Menschen. Frank sah auch, dass die Wände und Rohre kaum merklich von irgendwoher in der Ferne erhellt wurden, und sein Herz machte einen Sprung. Doch er wusste dass die Nacht bald vorbei sein würde. Er konnte nicht auf den letzten Metern von der Vernunft ablassen, die ihn so weit gebracht hatte. Er vergrößerte behutsam das Loch, darauf achtend dass kein noch so kleiner Stein in den Schacht fiel. Schließlich kroch er rückwärts aus dem Tunnel und schüttelte den Staub ab. Dann legte er sich in sein Bett.
„Ein Tag noch“, dachte er, bevor er friedlich einschlief.

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Die letzte Geschichte

‚Die drei Trolle hieben mit ihren riesigen unförmigen Pranken nach ihren Beinen, doch sie war für die fast unterarmlangen Krallen schon nicht mehr zu erreichen. Sie hatte es geschafft. Jetzt erst wurde ihr ihre Erschöpfung bewusst, als sei sie am Ende ihrer Kletterpartie am obersten Punkt des Überhangs in einen zähen Nebel gestiegen, der an ihren Gliedern zog wie kalter Honig. Sie sah sich um. Kein Feind in Sicht, bis auf die drei Trolle, die sich mit immer leiser werdendem Grunzen aufmachten, in ihre Eishöhle zurückzukehren, und bald schon nur noch wie kleine, rollende Felsen in der Landschaft aussahen. May zog ihren gekrümmten Schwarzholzstab aus der extra dafür gefertigten Rückenhalterung, stemmte ihn vor sich in den grasbewachsenen Boden und stütze sich mit verschränkten Armen darauf ab. Sie nahm ein paar tiefe Atemzüge, füllte ihre Lunge mit der lauen Abendluft des langsam ausklingenden Frühsommertages. Die untergehende Sonne tauchte den Himmel am westlichen Horizont in ein tiefes Rot, das langsam in ein sattes Violett überging. Sie ließ die verbliebenen goldenen Lichtstrahlen ihr Gesicht wärmen und gab schließlich der Erschöpfung nach und ließ sich auf eine moosbewachsene Wurzel des enormen Eichenbaumes fallen, der vielen Wanderern als weithin sichtbare Wegmarke diente.
Ihr schweigender, für unaufmerksame Augen kaum wahrnehmbarer Begleiter lehnte neben ihr am massiven Stamm der Eiche und schaute sie mit gütigen Augen an. In seinem unscheinbaren grauen Gewand schien er mit der umgebenden Natur zu verschmelzen.
„Die Trolle werden von Tag zu Tag mutiger“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu ihrem Begleiter. „Vor zwei Tagen sind sie beim letzten Sonnenlicht schon lange wieder in ihrem Loch gewesen.“
Zustimmend nickte er langsam und fuhr sich durch seinen langen weißen Bart, der direkt unter dem Kinn einen bläulich-grauen Fleck in Form eines Halbmondes bildete. Langsam, wie unter großer Anstrengung, hob er seinen Arm und deutete auf –‘

„Sieh ihn dir nur an. Wie lange sitzt er jetzt schon hier?“
„Seit heute Morgen 8 Uhr. Er war nach mir der Erste im Krankenhaus.“
„Wart ab. Er wird wieder sagen, dass sein Rücken ihn umbringt, wenn er aufwacht.“
Ein müdes Lächeln deutete sich auf Toms aschfahlem und von Sorgenfalten übersäten Gesicht an. Groteskerweise zeichnete sich seine Qual dadurch nur noch viel deutlicher ab. Selbst einige seiner engsten Freunde hätten ihn so nicht wiedererkannt.
„Ich glaube, wir sollten ihn aufwecken und heimbringen. Das kann ich ja dann machen und du bleibst hier bei Marie und versuchst, etwas Ruhe zu finden,“, schlug Toms Bruder Christian vor.
„Ja gut, wie du willst.“
Christian erhob sich aus dem leeren Nachbarbett und lief um das Bett seiner kleinen Nichte herum, wo ihr Großvater mit verschränkten Armen und dem Kopf auf der Brust in einem der unbequemen Besucherstühle tief und fest schlief. Seine Kette mit dem Anhänger seiner verstorbenen Frau hing ihm schlaff um den Hals. Sanft schüttelte Christian ihn an der Schulter.
„Papa. Papa, wach auf.“ Er versuchte ihn so behutsam wie möglich wachzurütteln. „Komm, wach auf.“
Mit einem tiefen Seufzer schlug sein Vater kurz die Augen auf, hob langsam seinen Arm und schaute sich um. Stück für Stück schien er zurückzukehren und ihm wurde bewusst, wo er sich befand. Der Blick auf die schwarze Krücke, die die letzten Jahre der ständige Begleiter seiner Enkelin gewesen war und nun ungenutzt an ihrem Krankentisch lehnte, holte ihn endgültig zurück. Mit niedergeschlagenem Blick ließ er seinen Arm sinken.
„Geht’s dir gut, Papa?“
Mit seinen grauen Augen schaute er seinen jüngsten Sohn an.
„Ja, sicher. Wie geht’s Marie? Ist sie aufgewacht?“
„Noch nicht. Die Ärzte wissen auch noch nicht, ob und wann sie aufwachen wird.“
Die Erregung und Hoffnung im Gesicht ihres Großvaters machte schierer Verzweiflung Platz.
„Aber ich war doch bei ihr. Ich war bei ihr!“ Mit diesen Worten erhob er sich halbwegs, nur um sich dann wieder in seinen Stuhl fallen zu lassen. „Ich war doch die letzten paar Tage immer bei ihr.“
„Papa, ich glaube, wir sollten dich nach Hause bringen. Marie liegt doch erst seit heute hier im Krankenhaus. Du hast fast die ganze Zeit geschlafen.“
„Nur einen Tag?“ Nachdenklich schaute er von einem Sohn zum anderen. Wären die beiden etwas aufmerksamer gewesen, hätten sie das Funkeln in den Augen ihres Vaters bemerkt. „Was soll ich denn zuhause? Ich würde sowieso nur rumsitzen und mich fragen, was mit Marie ist. Außer auf der Couch liegen und in diese verdammte Kiste schauen, kann ich ja nicht mehr machen. Was soll ich denn alleine zuhause, ohne Marie?“ Die Verzweiflung schnitt ihm die Stimme ab, sodass seine letzten Worte kaum verständlich über seine Lippen kamen. Tom und Christian schauten sich an. Beiden war nie wirklich bewusst gewesen, wie wichtig Marie für ihren Großvater war. „Und wir wissen doch gar nicht, was jetzt genau mit ihr ist. Wie es mit ihr weitergeht. Heute könnte ihr letzter Tag sein. Oder morgen.“ Jetzt da dies ausgesprochen war, wurde Tom und seinem Bruder diese Tatsache erst schmerzlich bewusst. Das könnte ihr letzter Tag sein.
„Ich bleibe noch. Ihr könnt ja gehen, aber ich bleibe noch und ich erzähle ihr unsere Geschichte weiter.“
„Von was redest du da? Du hast die ganze Zeit hier im Stuhl geschlafen. Komm, Papa, wir sind alle ziemlich fertig. Christian bringt dich jetzt nach Hause. Es wird schon spät.“ Das diesige frühabendliche Licht fiel durch die übergroßen Fenster. Maries Großvater sah seine beiden Söhne mit gerunzelter Stirn an, Enttäuschung in den Augen.
„Ihr glaubt mir immer noch nicht. Schon als ihr klein wart, habt ihr mir nicht geglaubt. Marie ist da anders.“
„Es sind nur Geschichten! Auch wenn du das gern anders hättest. Es sind und bleiben nur Geschichten, Papa.“, erwiderte Christian.
„Ja.“ Er hielt kurz inne, in Gedanken versunken. „Ja, vielleicht.“
Tom blickte seinem Vater ins Gesicht. Davon hat Marie ihm oft erzählt, wenn er sie nach der Arbeit bei ihrem Großvater abgeholt hatte. Von den Geschichten. Er selbst erinnerte sich nicht mehr wirklich an die Geschichten, die sein Vater ihm erzählt hatte. Nur noch, dass -
Der schrille Klingelton von Toms Handy durchschnitt die gedrückte Atmosphäre. Emotionslos, fast schon gelangweilt, ging er ran.
„Nein, wir sind alle noch da. Ja. Moment.“ Kommentarlos verließ er das Krankenzimmer und führte sein Telefonat auf dem Flur des Krankenhauses fort. Nach kurzer Zeit steckte er den Kopf durch die Tür und rief seinen Bruder zu sich, worauf dieser ihm auf den Flur folgte und auf ein Zeichen von Tom die Tür schloss.
Jetzt waren Marie und ihr Großvater wieder unter sich. Er sah sie an, wie sie dort in ihrem viel zu großen Krankenbett lag, Schläuche aus ihren Armen und ihrer Nase kommend. Sie war es zwar gewohnt, Zeit im Krankenhaus zu verbringen, aber kein Kind sollte mit 9 Jahren in einem Krankenbett liegen müssen, nicht wissend, ob es je wieder aufwacht. Mit diesen Gedanken lehnte er sich wieder in seinem Stuhl zurück, rückte seine Kette gerade und schloss die Augen.
‚May stand mit dem Rücken zu der großen Eiche und schaute über das Land, das von der aufgehenden Sonne in goldenes Licht getaucht wurde. Mystisch fielen die Sonnenstrahlen durch den leichten Nebel, der sich über die Landschaft unter ihnen zog. Ein neuer Tag hatte begonnen.
Mit einem zarten Lächeln drehte sich May um und schaute ihrem grauen Begleiter direkt in die Augen. Sie sprach kein Wort. Ihre Augen glänzten so offenkundig vor Dankbarkeit, dass kein Wort vonnöten war. Langsam hob sie ihre Hand, winkte zum Abschied und verbeugte sich tief. Dabei legte sie ihren schwarzen Stab vor sich auf den tauübersäten Boden, drehte sich um und schritt in den morgendlichen Nebel, der gemächlich den Hang heraufzog.‘
Mit einem lauten Knall fiel ihre Krücke zu Boden.

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Liebe durch Spiegelei an Speck und Rosmarin

Das heiße Fett in der Pfanne zischt, als ich das Ei hineinfallen lasse. Sofort kräuselt sich der schneeweiße Rand und wirft Blasen, während das leuchtend orange Eigelb wie eine Insel in stürmischer See scheinbar unbeeindruckt auf der Stelle schwimmt. Eine Prise Salz und Pfeffer und kurzes Warten, bis die Ränder goldbraun sind. Schließlich lade ich das Ei zusammen mit dem bereits knusprig gebratenen Bacon auf einen bereitstehenden Teller und gebe noch einen Büschel Rosmarin obenauf. Fast fertig.
Mit kräftigen Drehungen presse ich bis zum letzten Tropfen Saft aus den leuchtenden Orangen, die mir die nette Marktfrau gestern geschenkt hatte, nachdem ich darauf bestanden hatte, den Preis für meinen Einkauf aufzurunden. Noch eine kleine Scheibe zur Dekoration an den Glasrand - perfekt. Und es muss perfekt sein. Schließlich ist das nicht irgendein Frühstück an irgendeinem Tag. Heute ist der Tag, an dem Clara sich in mich verlieben wird. Das Tablett in den Händen, laufe ich hinüber ins Esszimmer.
Sie sitzt am Tischende, sie, Clara, die Eine - ihre strahlend blauen Augen auf einen Punkt hinter mich gerichtet. Diese unwahrscheinlich blonden Haare, diese kleine, spitze Nase, diese etwas schiefen, aber einzigartigen Lippen - Ich kann einfach nicht anders, als zu lächeln, als ich ihr den dampfenden Teller serviere.
“Wie kann man schon nach dem Aufstehen so verdammt gut aussehen?”, necke ich sie.
Sie verzieht keine Miene.
Ich setze mich an die Seite des Tischs, rücke die Vase mit den Rosen zurecht und lächle ihr aufmunternd zu. “Lass es dir schmecken!”
Der Duft des gebratenen Specks schwebt durch den Raum. Clara sitzt weiterhin regungslos da, die Hände in den Schoß gelegt. Was hat sie bloß?
“Na komm, ich bin extra mit Wecker aufgestanden. Probier doch wenigstens mal. Ich hab es ja nicht vergiftet!”
Endlich bewegen sich ihre Pupillen in meine Richtung. Ein wohliger Schauer durchfährt mich, als ihre meerblauen Augen die meinen fixieren. Aber diese Kälte…
“Ich bin Veganerin, Arschloch.”
Gerade noch so kann ich mich ducken, da segelt der Teller samt Frühstücksei und Bacon pfeifend über meinen Kopf hinweg, um mit lautem Scheppern an der Wand hinter mir aufzuschlagen. Ungläubig starre ich auf den braunen Fleck an der weißen Raufasertapete.
“Was zur Hölle ist los mit dir?? Ist dir bewusst, dass ich das Zimmer erst letztes Jahr frisch renoviert habe?”
Ihre Lippen ziehen einen zitternden Schmollmund. Ihre Augen glänzen und sind längst wieder fest auf das Luftloch über der Küchentür gerichtet.
“Clara, jetzt rede wenigstens mit mir! Eine Entschuldigung wär angebracht, oder wenigstens etwas Dankbarkeit! Ich würde alles für dich tun, verdammt, ich HAB schon so viel für dich getan, dir Kleider geschenkt, dir Schmuck geschenkt… ich stehe den ganzen Morgen für dich in der Küche, und du… du bist einfach so undankbar! Für wen hältst du dich eigentlich?!”
Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich immer lauter geworden war. Plötzlich sehe ich eine einzelne Träne ihre Wange herunterlaufen. Weiterhin ist ihr Blick starr nach vorne gerichtet, jedoch zittern jetzt ihre Augenlider so stark wie ihre Lippen.
“Ich… ich hab es nicht so gemeint”, versuche ich zu retten, was zu retten ist.
Sie gibt einen leisen Schluchzer von sich. Dann sackt sie in sich zusammen. Bebend hängen ihre Schultern nach unten. Ihre Lider sind nach unten geschlagen, der Mund wie in Schmerzen verzogen, eine einsame Haarsträhne im Winkel. Weitere Tränen rinnen ihr übers Gesicht.
Ich bin zugegebenermaßen etwas ratlos.
“Pass auf, was hältst du hiervon: Wir nehmen uns den Rest vom Tag frei, um uns zu beruhigen. Und morgen versuchen wir es dann nochmal von vorn. Mit Müsli und Sojamilch. Morgen ist ja auch noch ein Tag. Wie klingt das?”
Ich stehe auf, fasse ihre Hände und ziehe sie sanft hoch. Sie zeigt keine Gegenwehr.
“Vorsichtig, mach langsam!”
Sie hat noch Schwierigkeiten an der Kellertreppe, doch das wird sich sicher legen, wenn sie sich an die Fußfesseln gewöhnt hat und die Knöchel abgeschwollen sind. Ihre Schultern zittern noch immer, doch Clara gibt keinen Laut von sich, als die schwere Tür ins Schloss fällt. Doch, es stimmt. Morgen ist auch noch ein Tag. Der Tag, an dem sie sich in mich verlieben wird.
“Ich liebe dich”, sage ich leise, als ich den Riegel vorschiebe.

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DRIFTER

Eine feuchte, warme Zunge riss ihn aus seinem unbequemen Schlaf.
Als er langsam, von Schmerzen begleitet, seine Augen öffnete, sah er das gefleckte Biest über ihm kauern, wie dieses weiterhin sein Gesicht verschlang als wäre es Eiscreme.
“Okay, okay… Genug!” Stammelte er und schob den Hund zur Seite, welcher ihn nun freudig hechelnd anstarrte.
Erst nachdem er sich vom kalten Steinboden aufgerichtet und gegen die Wand hinter ihm gelehnt hatte, spürte er das volle Ausmaß seiner Schmerzen: sein Kopf fühlte sich an, als würde er platzen. Ein Pochen durchdrang seinen gesamten Körper. Ihm war schlecht. Seine Zunge schmeckte Eisen.
Doch noch schlimmer war der beißende Gestank von Urin und Alkohol, welcher, den leeren Flaschen auf dem Boden zufolge, von ihm selbst stammte. Er übergab sich.
Der Dalmatiner betrachtete die Situation mit einem fast schadenfrohen Lächeln und begann, sich über das Erbrochene herzumachen.
Na, toll, dachte er. Was gibt’s besseres, als durch die Zunge eines Gossenköters geweckt zu werden?
Er drückte sich gegen die Wand, stand auf und fand Halt auf seinen wackeligen Beinen. Dies schien den Hund zu beeindrucken, denn er wandte sich von der Pfütze aus Halbverdautem ab und starrte ihn erneut mit dem Schwanz wedelnd und lächelnd an.
Wo zur Hölle bin ich eigentlich und was mache ich hier? Fragte er sich, nachdem er in der Lage war, einigermaßen klare Gedanken zu fassen.
Nichts an dieser grafittibeschmierten Gasse kam ihm bekannt vor. Er erinnerte sich nichtmal daran, gestern Abend überhaupt hergekommen zu sein. Aber das lag vermutlich am Alkohol. Zumindest seinen Namen wusste er noch.
Jaime.
So hat sie ihn immer genannt.
Plötzlich fiel es ihm wieder ein. Er war wegen ihr in diese Stadt gekommen, am Abend wollten sie sich treffen.
Und was mache ich? Trinke so viel, dass ich in der Gosse aufwache… Vermutlich in meiner eigenen Pisse oder der, eines Dalmatiners. Während er darüber nachdachte, welche der beiden Optionen schlimmer wäre, drang ein Stechen durch seinen Kopf. Er übergab sich erneut.
Jetzt hatte sogar der Hund Mitleid, näherte sich ihm und leckte aufmunternd seine Hand. Dass dieser damit grade noch Kotze vom Boden gefressen hatte, ignorierte er und wusste die Geste zu schätzen. Jedoch war die Berührung der weichen Dalmatinerzunge ungewöhnlich schmerzhaft. Er warf einen Blick auf seine Hand und stellte fest, dass seine Knöchel dunkellila angeschwollen waren. Dies erschrack ihn. Er war sein ganzes Leben nie in einen Kampf verwickelt gewesen.
Soweit ist es also gekommen, dachte er. Vor ein paar Tagen noch der langweilige Job im Labor, jetzt betrunkene Straßenkämpfe… Zumindest erklärt’s, wieso mein Kopf kurz davor ist, zu platzen
Hektisch durchsuchte er seine nassen Taschen.
“Alles weg,” murmelte er vor sich hin. “Bastarde!”
Bloß eine Packung Tabak und ein Feuerzeug fand er. Seit wann rauche ich?
Er beschloss, seinen neuen vierbeinigen Freund und die Gasse zu verlassen, schließlich durfte er das Treffen mit ihr nicht verpassen. Zum Abschied streichelte er dem Hund durch sein kurzes Fell und machte sich mit wackeligen Beinen auf den Weg in Richtung Öffentlichkeit.
Als er die ersten paar Meter hinter sich gebracht hatte, sah er drei Obdachlose in einer Seitenstraße sitzen, von denen ihn der bärtigste fixierte und anfing, mit den anderen zu tuscheln.
Ob ich den Dreien wohl meine Kopfschmerzen zu verdanken habe?
Doch bevor er diesen Gedankengang weiterführen konnte, stand der bärtige Obdachlose auf und kam auf ihn zu.
Scheiße, dachte er. Ich kann kaum geradeaus laufen, wie soll ich da eine zweite Runde gegen Kurt Russell überstehen?
Ihm blieb nur die Flucht. Er torkelte so schnell es nur ging, geriet ins Straucheln, fing sich wieder und bog um die nächste Ecke.
“Warte mal,” Schrie ihm der Obdachlose nach. “Ey, James!”
Er kennt meinen Namen? Wunderte er sich. Dieser Scheißkerl muss meinen Geldbeutel haben! …Aber egal, das kann ich jetzt eh nicht ändern.
James schleppte sich um eine weitere Ecke und stand plötzlich mitten in einer Menschenmenge, die sich hecktisch den Gehweg entlang bewegte.
Ich muss erstmal rausfinden, wo ich überhaupt bin und vor allem, wie ich hier ohne Geld wieder wegkomme. Eine Dusche wäre auch nicht schlecht… Vielleicht ist in der Nähe ein Hotel, dass eine Rechnung ans Institut schickt.
Er schaute sich um und sah eine Frau, die ihr Kind an der Hand hielt, direkt auf ihn zukommen. Das kleine Mädchen lächelte ihm zu.
“Entschuldigung, wissen sie vielleicht, wo…”
Die Mutter zog das Kind zu sich und lief wortlos im größtmöglichen Bogen um James herum.
Sehr nett, dachte er sich und wünschte er wäre bei dem Dalmatinier geblieben.
Er ging ein paar Schritte weiter und sah einen älteren Mann an einem Schaufenster stehen.
“Können sie mir vielleicht sagen…”
“Ich habe kein Kleingeld!” Entgegnete ihm der alte Mann und zog davon.
Kleingeld? Ich brauche dein beschissenes Kleingeld nicht! Hält der mich für einen Penner, oder was?!
Als James jedoch sein verzerrtes Spiegelbild im Schaufenster sah, verstand er die Reaktionen. Sein üblicher Drei-Tage-Bart war mittlerweile ein Drei-Wochen-Bart, seine Haare waren zerzaust und sein Pullover mit einer Mischung aus Erbrochenem und Blut bedeckt. Er schämte sich.
James entschloss sich, auf eigene Faust ein Hotel zu suchen und folgte dem Gehweg. Jedoch spürte er deutlich die verachtenden Blicke seiner Mitmenschen, welche ihm das Gefühl gaben, zu einer anderen Spezies zu gehören.
Verübeln kann man es ihnen nicht, schließlich haftet der Geruch von mindestens drei Körperflüssigkeiten an mir… Aber jeder hat mal schlechte Zeiten und trifft dumme Entscheidungen. Ich in letzter Zeit nur zu viele.
Als er seinen, vor lauter Scham zu Boden gewanderten, Blick wieder hob, sah er eine blonde Frau vor einem Bistro stehen, welche grade die Speisekarten austauschte. Sie stach aus der Masse heraus, denn sie lächelte ihn an, schien sich sogar darüber zu freuen, ihn zu sehen.
“Na, harte Nacht gehabt?” Fragte sie ihn.
“Ich bin mir nicht sicher, aber es spricht wohl einiges dafür.” Scherzte er.
“Komm rein. Kaffe geht auf mich.” Sagte sie und gestikulierte in Richtung Eingangstür.
Kaum war James mit beiden Beinen im Bistro, drehten sich die Menschen angewidert um. Die blonde Frau lächelte ihren Kunden schuldbewusst zu, verwies James an einen Tisch neben dem Fenster und ging hinter die Theke.
“Bitte, so wie du ihn magst, schwarz, stark und vor allem schön lecker.” Sie reichte ihm den Kaffee.
Das verunsicherte ihn. Kenne ich sie? Woher weiß sie das?
Amy stand auf ihrem Namensschild, doch James kannte niemanden, der so heißt.
Er trank einen Schluck vom Kaffe, welcher ihn endlich vom Eisengeschmack im Mund befreite.
Sie setzte sich zu ihm an den Tisch, scheinbar völlig unbeeindruckt vom Gestank.
“Und, wohin bist du grade aufm Weg?” Wollte sie wissen.
“Ich suche ein Hotel,” er trank einen weiteren Schluck. “Ich treffe mich heute Abend mit jemandem und so kann ich ihr wohl kaum über den Weg laufen.”
Amy lächelte abwesend.
“Ich hoffe, sie erkennt mich trotz meines demolierten Gesichts noch.” James lachte und nahm noch einen Schluck Kaffe.
“Natürlich erkennt sie dich, du bist schließlich ihr Jaime.”
Dieser Satz traf ihn wie ein Schlag. Was hat sie gesagt? Woher kennt sie diesen Namen? Sind wir uns schon mal begegnet? Wer ist diese Frau?
James konnte seine Verwirrung nicht verstecken. Amy griff mit sichtlich schlechtem Gewissen nach seiner Hand.
“Es tut mir leid, erinnerst du dich nicht?”
Ein Stechen zog sich durch James’ ganzen Körper. Er hatte Schmerzen, war verwirrt, fühlte sich hilflos. Er sprang auf und flüchtete aus dem Bistro.
“Gott sei Dank!” Hörte er eine alte Frau neben der Eingangstür sagen, während Amy ihn bat, stehen zu bleiben. Doch James war bereits in der Menschenmasse untergetaucht.
Er irrte planlos durch die Gegend. Die Menschen, von denen er immer noch angestarrt wurde, blendete er aus. Er lief und lief, bis er abseits vom Getümmel der Menschen einen Park fand.
Sie mochte Parks, erinnerte er sich und ging hinein.
Er setzte sich auf eine Bank, die direkt am Ufer eines Sees war und beobachtete abwesend die Wasserfontänen des Springbrunnens in der Mitte.
Was ist los mit mir?
Er kramte in seiner feuchten Hosentasche und holte den Tabak hervor. Anscheinend rauche ich, dachte er.
Als er die Packung öffnete fand er Blättchen und eine kleine, aus einem Stück Müllsack geformte Kugel mit grünem Inhalt.
James stopfte den Inhalt der Kugel zusammen mit etwas Tabak in ein Blättchen, rollte dieses gleichmäßig und verschloss es mit seinem Speichel, der sich vom Kaffe braun gefärbt hat.
Er nahm das Feuerzeug, zündete den Joint an, atmete ein und lachte…
Mittlerweile leuchtete der Himmel ähnlich lila wie seine Fingerknöchel. Wie lange James schon auf der Bank saß, wusste er nicht. Doch er entschied sich, zu gehen. Es war bestimmt langsam Zeit, sie wartet.
Als James orientierungslos durch die Straßen stapfte, brach der Himmel auf und Regen prasselte auf ihn nieder. Dieser gab ihm ein Gefühl von Lebendigkeit, welches er bereits den ganzen Tag vermisst hatte.
Als er grade die Straße überqueren wollte, hörte er eine vertraute Stimme.
“James! James, warte!”
Er blieb stehen, drehte sich um und vor ihm stand der bärtige Obdachlose.
Klar, warum auch nicht zwei Abende hintereinander? Zumindest bin ich high, dachte James.
“Was willst du denn noch von mir? Du hast meinen Geldbeutel und guck dir doch an, was du mit meinem Gesicht gemacht hast! Reicht dir das nicht?”
James war so wütend, dass er am liebsten einfach auf den Obdachlosen eingeschlagen hätte. Doch so war er nicht.
Der bärtige Mann schien verletzt von diesen Worten zu sein, legte jedoch seine Hand auf die Schulter von James.
“Ich will dir nichts tun. Ich kann dich aber hier nicht einfach Abends alleine rumlaufen lassen. Das ist gefährlich. Nicht alle Menschen sind uns gegenüber freundlich gesinnt. Also komm bitte mit.”
James verstand nicht, was das bedeutete, doch etwas gab ihm das Gefühl, auf den Mann hören zu sollen.
Die beiden liefen stillschweigend durch die Straßen, bogen kreuz und quer ab, liefen durch versteckte Gassen und Wege, bis ihnen plötzlich ein Hund entgegen kam.
“Na Lyssa,” sagte der Mann. “Hast du uns vermisst oder bist du bloß hungrig?” Er streichelte dem Dalmatiner über den Kopf. “Ich konnte heute leider nicht so viel Geld sammeln, da ich unseren Freund hier finden musste. Aber ich habe ein paar Bananen, die wir uns gleich teilen können.” Der Hund schien die Worte zu verstehen, leckte an James’ Hand und trabte zurück auf seine Decke.
“Ich… Was mache ich hier, ich kann nicht hier bleiben.” Sagte James verwirrt. “Ich habe doch eine Verabredung.”
Der Mann legte erneut seine Hand auf die Schulter von James.
“Es tut mir leid, James. Aber sie ist tot. Bitte lauf morgen nicht wieder weg, damit wir endlich zu Dr. Mellis gehen können, er kümmert sich um uns. Deine Medikamente sind schon seit zwei Wochen leer, du brauchst Hilfe. Bitte, James. Und jetzt ruh dich ein bisschen aus.” Der Mann lächelte James aufmunternd zu.
“Oh, und nimm das gegen die Kälte, du bist ja komplett durchnässt.”
Er drückte ihm eine Flasche Alkohol in die Hand. “Erzähl’s aber nicht Lyssa.” Er lächelte erneut, drückte James’ Schulter und setzte sich zu seinem Hund auf die Decke.
James wanderte ausdruckslos die Gasse entlang, hockte sich an eine Wand, drehte die Flasche auf und nahm einen Schluck, während der Regen über sein Gesicht lief. Dort verharrte er für einen Moment, bis der Regen plötzlich salzig schmeckte und James sich auf den Boden kauerte.
Er nahm einen weiteren Schluck, noch einen und noch einen, bis die Flasche leer war.
Er war verwirrt. Er war wütend. Er war traurig. Er hasste sich.
Während der Regen begann, eine Pfütze neben ihn zu bilden, schlug sich James mit voller wucht gegen den Kopf. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Bis sich dünne, rote Linien durch die Pfütze zogen.

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----- Nur einen Moment ------

Es war wieder ein langer Tag.
Die Luft war stickig und verbraucht. Es war die Art von Luft die nach wenigen Minuten Kopfschmerzen verursachte.

Er schloss das letzte Fenster und gelang zum Desktop seines Arbeits-PCs.
Der Desktop schmückte das blaue einfallslose Logo der Firma für die er schon seit 23 Jahre arbeitete.
Er hatte damals mit 17 in der Ausbildung angefangen und hatte nie etwas anderes getan.

Er schaute sich um ob er etwas vergessen hatte, doch der Schreibtisch war leer.
Er hatte alles geschafft.
Aber doch machte ihn der Anblick nicht glücklich oder zufrieden.
Denn der Schreibtisch war wirklich leer.
Kein Bild und keine Blumen, nichts das zeigte dass er als Person seit 7 Jahren jeden Tag hier an diesem Platz sitzt.
Nur die Kaffeetasse war da, aber auch sie war nur mit dem gleichen blauen Schriftzug geziert wie fast alles andere in diesem Gebäude.

Er hatte oft überlegt sich einfach eine eigene Tasse mit zu bringen.
So wie seine Kollegen welche haben.
Tassen mit lustigen Cartoons oder mit Witzen drauf.
Aber im Grunde hat es keinen Sinn. Die Tasse wäre ihm nach höchstens zwei Tagen wieder geklaut worden oder jemand hätte sie ihm Scheinheilich vom Schreibtisch gestoßen.

Ohne Tasse war es besser, so kann er wenigstens seinen Kaffee in Ruhe trinken.

Mit der Maus klickte er auf Start und dann auf Runterfahren.
Es brauchte etwas bis das Gerät reagierte aber es tat was ihm befohlen wurde und er saß da und sah zu wie sich das Betriebssystem für heute verabschiedete.

Der Bildschirm wurde schwarz und er merkt wie sehr seine Augen im Grunde schmerzten.
Es war das Licht, das ab und an flackerte und niemand zu reparieren vermark.
Schon oft hat er sich beschwert aber die Stimme am anderen Ende versprach „Wir schicken gleich Jemanden vorbei“. Das war schon 3 Monate her.

Wenn das Büro wenigstens ein Fenster hätte, dann wäre es nicht so anstrengend für die Augen.
Aber es gibt kein Fenster, kein Sonnenlicht und keine frische Luft.

Und die Klimaanlage war schon seit Jahren Kaputt.
Sie hatte nur eine Leistung von 10-20% und dass reichte nur um nicht in Ummacht zufallen.

Aber was kann er schon tun?
Jetzt war erstmal Feierabend.

Er steht auf, nimmt sein Jackett vom Stuhlrücken, schiebt den Stuhl zu Recht und geht mit der Tasse in der Hand Richtung Pausenküche.

Es gibt einen Küchenplan.
Auf dem Plan Steht für Heute “Stefan B.”
Er seufzt, es ist sein Name und der steht schon seit Anfang der Wochen drauf.

Er krempelt die Ärmel hoch und macht sich ans spülen, auch die restlichen Tassen und Teller des Tages.
Danach Riss er den Zettel mit seinem Namen vom Plan obwohl er weiß dass genau der gleiche Name morgen da wieder stehen wird.
Jetzt machte er sich auf den Nachhause.

Es ist Sommer und hell draußen. Er blinzelte als er ins Licht trat.
Ein schöner Tag.

Den Bus hatte er gerade verpasst.
Der nächste kommt in 20min.
Stefan schaute sich um, er ist der letzte, keiner mehr da.
Er schaut in die Sonne, sie war warm und fühlt sich gut an und ohne dass er es merkt, fing er an zu gehen. Nur bis zur nächsten Haltestelle, denkt er sich.

Dort angelangt denkt er, ich könnte ja noch bis zur nächsten Haltestelle.
Bei der nächsten denkt er sich, ach die eine noch.
Zwischen den Haltestellen überholte ihn der Bus, er hatte sich mit der Zeit verschätz.
Bei der nächsten werde ich aber die 20 min warten, verspricht er sich.
Aber auch da geht er weiter und dann immer weiter und weiter.
Er fühlt sich gut, als ob jeder Schritt ihn von seinem alten Leben in ein anderes bringen würde.

Nach einer Zeit verließ er selbst den Weg der Buslinie.
Er bog mal recht und mal links ab. Er ging in jede Straße die ihm interessant vorkam. Ohne zu wissen wohin sie führte.

Er ging an stilvollen Vorgärten vorbei und an einfache kleine süße Läden.
Er betrachtete die Fassaden der Häuser und warf gestohlene Blicke in die Fenster.
Jedes Haus war voll mit Leben und Charakter, in jedem wohnten Träume und Hoffnungen.
An den Wänden hingen Bilder oder andere Sachen die den Bewohnern wichtig oder lieb waren.

Hier zu Leben wäre sicher schön, dachte er sich.
In einem schönem Haus mit platt und nicht wie in seiner kleinen Einzimmerwohnung.

Wie würde ich das Haus reinrichten, fragt er sich
Ich würde es so machen wie meine Frau am liebsten hat.
Denn ich würde ihr jeden Wunsch erfüllen.

Und wenn sie einen total grässlichen Geschmack hat, fragte er sich weiter.
Das wäre egal, denn sie würde es mögen und deswegen würde ich es auch schön finden.
Und im Garten würde ich ein Baumhaus für die Kinder bauen, so wie ich es ein paar Straßen zuvor gesehen habe. Meine Kinder würden es lieben und gut im Leben haben.

Er mag Kinder und wollte schon immer welche haben, aber er hatte die Richtige noch nicht gefunden. Aber sie war da irgendwo, das weiß er.

Plötzlich steht er vor einer Gabelung und gerade aus geht es auf eine Wiese oder einen kleinen Park. Von hier aus kann er es nicht genau sagen.
Es gehen Leute mit deren Hunde spazieren.

Es brauchte etwas bis er seinen ersten Fuß vom Asphalt auf den Rassen stellte. So als ob er eine Grenze zu einem fremden Planeten überqueren würde.

Auf der anderen Seite, dieser Grenze, ist ein Park und kein kleiner.
Stefan wusste gar nicht dass es hier einen so großen Park gibt.
Und wegen dem schönen Wetter war der Park auf voll.
Kinder spielten und ihre Eltern sahen zu.
Jungendliche lagen auf Decken spielten Karten und Ließen sich von einem kleinen Radio berieseln. Verliebte gingen Hand in Hand und andere knutschten als ob sie sich kein Zimmer nehmen könnte.

Er fühlte sich frei wie eine unsichtbare Person die überall hingehen kann ohne aufzufallen ohne Fehl-am-Platz zu sein. Er könnte an allem teilhaben, wenn er nur wolle.

Ein Hund rannte an ihm vorbei und kurz danach dessen Herrchen, dieser schrie immer wieder… Fuß! Fuß! Dem Hund war das egal.
Stefan musste lachen.
Der Park war so Bund, so anders als sein normales Leben. Stefan wusste gar nicht wohin er sehen wollte. Überall war etwas, voll mit leben und so voll mit Farbe.

“Vorsicht!” schreit eine Frau Stefan an.
Er springt einen Schritt nach hinten. Und die Frau stürzte und kullerte etwas weiter.
“Oh Gott! Haben Sie sich etwas getan?” fragt er.
“Nein ist schon okay” antwortet sie.
Stefan greift der Frau an dem Arm um ihr auf die Beine, beziehungsweise auf die Inliner zu helfen.
Was auch leicht ging, denn sie ist zierlich. Sie bedankt sich und lächelt ihn an.

Und in ihren Augen sah er gleich dass sie es ist.
Das ist die Frau auf die er schon immer gewartet hat.
Ihre Augen, ihre Haare, ihr lächeln, alles ist so wie er es sich immer vorgestellt hat.
“Ich hei…heiße Stefan” stammelt er.

Fahrradfahrer kamen klingelt vorbei und schrien “runter vom Fahrradweg!”…“Idioten!”

“Wir sollten echt runter bevor uns jemand anfährt” sagt sie.
Und ging mit ihr ihr zur Seite ohne ihren Arm loszulassen.
“Nochmals danke” sagt sie, am sicheren Rand.

“Es tut mir leid, mir war nicht klar dass ich auf dem Fahrradweg gekommen bin”
“Ach ist okay, jeder Träumt doch mal. Das ist doch normal. Und es ist ja nichts passiert”

Sie klopfte sich den Staub von den Klamotten ab, aber nur mit einem Arm, denn Stefan hielt immer noch anderen Arm.

Er hat einfach vergessen ihn los zulassen.
Denn er fand sie so schön wie er noch nie jemand so schön fand. Sie hatte blonde lange Haare. Ihre Augen waren blau wie das Meer und wenn sie Lächelte bekam sie zwei süße Grübchen.

“Ja ich war wirklich am Träumen” gab er zu lächelnd zu und lass ihren Arm los.
“Ja ich im Grunde auch, also sind wir beide Schuld” sie streicht sich die Haare hinter die Ohren.
“Gut dass Sie sich getan haben?” sagt er.
“Ja, genau, ist nichts Ernstes passiert” sie hebt ihren anderen Arm den er nicht gehalten hatte, und zeigt ihm eine kleine Schramme am Ellbogen die ein wenig blutet
“Oh mein Gott!” er fühlt sich grauenhaft, er ist das Schuld. “Wir müssen ins Krankenhaus!”
Sie lacht und auf ihrer Nase bildeten sich kleine süße Falten “Nein das ist nur ein Kratzer. Das ist nicht das erste Mal das ich gefallen bin. Ich kenne das schon”
“Es tut mir leid” sagt er.
“Ich weiß”

Er Lächelt. Das was sie sagte meinte sie ernst. Sie tat nicht nur so oder hatte vor ihn nachher zu verklagen. Sie war ihm nicht böse. Sie war ein guter Mensch das weiß er.

Er kann sie Fragen ob er sie zu etwas einladen könnte. Ein Eis vielleicht um es wieder gutzumachen. Sie könnten sich unterhalten und sich besser kennen lernen.
Samstag könnten sie zusammen ins Kino. „Der gestiefelte Kater“ lief momentan, den wollte er eigentlich sehen aber alleine traut er sich nicht.
Vor dem Kino könnten sie vielleicht essen gehen. Ein Italiener oder ein Spanier.
Sie könnten das Wochenende darauf hier in dem Park spazieren kommen und einfach reden.
Und mit der Zeit und Monaten können sie genau wie die anderen auch Hand in Hand gehen und wenn er sie eines Abends nachhause bringt könnten sie sich zum ersten Mal Küssen.
Beim Videoabend legt sie dann ihren Kopf auf seine Schulter und nächsten Sommer fahren sie zusammen in den Urlaub. Ans Meer da wo das Wasser die gleiche Farbe wie ihrer Augen hat.

“Okay dann fahr ich mal weiter” sagt sie und reist ihn aus seinen Plänen.
“Ja!” sagte er “Ich meine Nein…ich …ich” stammelt er.

Sie sieht ihn fragend an.

“Ich bin…ich…warte…” er reibt sich nervös den Nacken. Die Wörter schienen in seinem Hals hängen zu bleiben und ließen ihm keine Luft zum atmen. Er fing an zu schwitzen.

“…ich…ich bin…bin Stefan!” die Luft schoss wieder in seine Lunge.

Sie lächelt verlegen und schaut zu Boden.
Sein Herz pochte wie verrückt und er wollte vor Freude jubel und tanzen.
Sie schaut wieder zu ihm hoch und ihre schönen Augen schauten genau in seine, doch war es nicht der Blick den er erwartet hatte.
Es schien dass sein Herz aussetzte denn er wusste was jetzt kam.

“Ich bin Sandra aber ich muss jetzt wirklich los. Es hat mich sehr gefreut Sie kennen zu lernen Stefan.” Sie setzte an um weiter zu fahren aber er griff nach ihrer Hand ohne es zu merken.

Sie schaut ihn etwas erschrocken an, aber durch seinen Blick merkte sie dass er es nicht böse meint.
Leise flüsterte er “Bitte!”

Sie lachte ihn schmerz voll an “Ich fühle mich sehr geschmeichelt, aber es tut mir leid. Stefan bitte seien Sie mir nicht böse aber ich bin 22”
Er ließ ihre Hand los. Sie lächelte ihn noch mal kurz zu und führ los.

Er schaute ihr zu wie sie immer weiter weg führ.
22 Jahre, er hatte ein Jahr vor ihrer Geburt seine Ausbildung angefangen.
Er strich sich über seinen Kopf und die wenigen Haare die ihm noch geblieben waren.

Er war ein kleiner, 40 Jahre alter, dicklicher Mann mit einer dicken Hornbrille und einer Glatze. Jeden Tag versuchte er diese mit den restlichen Haaren zu verdecken, aber das würde von Tag zu Tag schwerer.
Sein Anzug war grau, alt und zerknittert.

Als er sie nicht mehr sehen könnte, steckte er die Hände in die Hosentaschen, seufzte und machte sich auf den Nachhauseweg.
Und als er wieder an den Ganzen Menschen und Häusern, die voll mit Träumen und Hoffnungen sind, vorbei ging und sie sich wieder ansah war ein Lächeln in seinem Gesicht.

Denn heute hatte er auch einen Traum und Hoffnung gehabt. Er war genau wie alle anderen auch.
Er war heute für einen Moment glücklich und das machte den Tag zu einem guten Tag.

Ende

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Schwarzes Glas

Geliebte Tochter,
ich muss mich entschuldigen für das Unrecht, welches ich Dir angetan habe. Ich weiß, Du bist enttäuscht und wütend über mein Verhalten und Du verstehst nicht, weshalb ich dich zu deiner Tante aufs Land geschickt habe. Doch ich hatte keine Wahl und obwohl mich Dein Zorn mehr schmerzt, als alles Leid, welches ich je erfahren habe, so ist es doch zu Deinem eigenen Schutz.
Auch jetzt noch, in der Stunde meines sicheren Todes, bin ich versucht, Dich zu belügen. Manche Wahrheiten sind zu fürchterlich, um sie zu offenbaren. Dennoch, ich möchte Dich nicht zurücklassen, ohne zumindest den Versuch unternommen zu haben, Dir Rede und Antwort zu stehen.
Viele Jahre vor Deiner Geburt, noch bevor ich Deine Mutter kennenlernte, während meines Studiums, stieß ich auf eine Fußnote in einem halb verfaulten Manuskript. Ein Mönch hatte es im 12. Jahrhundert angefertigt und es war kaum mehr zu entziffern. Zeit und die Feuchtigkeit in den Katakomben hatten gnadenlos an ihm genagt. Der eigentliche Inhalt des Buches ist nicht weiter von Bedeutung, es war vielmehr die Fußnote, die mich interessierte. Sie verwies auf einen letzten Reisebericht der verlorenen Kreuzfahrer, von dem ich noch nie gehört hatte. Es war nur natürlich für einen wissbegierigen jungen Mann, wie ich einer war, dieser Sache nachzuforschen. Meine Professoren behaupteten, diesen Reisebericht hätte es nie gegeben. Er wäre eine Erfindung, wie überhaupt das meiste, was der fragliche Mönch von sich gegeben hatte. Früh sei er einer Krankheit des Geistes anheim gefallen. Seine Schriften wurden als das Gerede eines Wahnsinnigen abgetan. Meine eigenen Recherchen schienen dies zu bestätigen.
Noch eine Zeit lang dachte ich über den Mönch und seine seltsamen Schriften nach, dann widmete ich mich anderen Aufgaben. Erst einige Jahre danach, nur wenige Wochen nachdem ich deine Mutter auf dem Ball von Lord Hershey kennengelernt hatte, musste ich wieder an ihn denken. Clifford, ein Kollege und Freund aus Studientagen, der einige Zeit auf dem Festland unterwegs gewesen war, berichtete mir, er habe von einer spanischen Abschrift eines ungewöhnlichen Textes erfahren und er hielt die Chance für groß, dass es sich um den Text aus der Fußnote des Mönches handelte. Ich reiste sofort nach Spanien.
Tatsächlich, im hintersten Winkel eines heruntergekommenen Gemäuers fand ich ihn:
El último cuaderno de viaje de los cruzados perdidos, den letzten Reisebericht der verlorenen Kreuzfahrer. Clifford half mir bei der Übersetzung, war mein eigenes Spanisch doch nie mehr als akzeptabel gewesen. Die Details möchte ich dir ersparen, es waren wenig mehr als die entgleisenden Gedanken eines unter Dehydrierung und Unterernährung leidenden Tyrannen, den die Wüste ganz zu recht verschluckt hatte. Vieles darin war nicht mehr glaubwürdig, als die Behauptungen des Mönches. Doch wenn der Reisebericht tatsächlich existierte, was entsprach dann noch der Wahrheit? Gemeinsam mit Clifford suchte ich nach anderen Fetzen dieses verlorenen Wissens, immer wieder unterbrochen von anderen Verpflichtungen.
Ich heiratete Deine Mutter im folgenden Frühjahr und lebte gemeinsam mit ihr bis kurz nach Neujahr in der Nähe von London. Clifford suchte in Europa, gemeinsam mit Jack, einem weiteren Freund. Die Geheimnisse dieser alten Texte zogen uns in ihren Bann und es war fast so, als zögen sie uns magisch an. Mit großer Scham muss ich gestehen, dass es mir nicht schwer fiel, Deine Mutter allein in unserem kalten Haus zurückzulassen und wieder auf die Jagd zu gehen. Mein Verlangen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, war stärker als alle Liebe, die ich für sie empfand.
In Kairo fanden wir die letzten Mosaiksteine. Hieroglyphenabschriften aus dem Grab des königlichen Baumeisters und eine gut erhaltene Kopie der Miracula Aegypti, dem einzigen Werk des römischen Legaten Andronius. Wir konnten unser Glück nicht fassen und nicht für einen Augenblick verschwendeten wir einen Gedanken daran, ob es überhaupt Fortuna war, welche uns bis zu diesem Punkt geführt hatte. Die Wunder Ägyptens offenbarten uns Dinge, die wir nicht für möglich gehalten hätten, Unglaubliches und Schreckliches. Was dort geschrieben stand, ich werde es niemals vergessen können. Unser Weltbild zerbarst in einem einzigen Moment.
Wir brachen sofort auf. Obwohl ich es versprochen hatte,für den Fall eines längeren Aufenthalts, schickte ich keine Nachricht nach London. Mir kam nicht einmal der Gedanke an Deine Mutter.
Wir fuhren den Nil hinunter, nun zu siebt. Clifford, Jack, Obrien, McMillan, Litchfield, der treue Gaspar und meine Wenigkeit. Es sollte einer der heißesten Sommer in der Geschichte des Landes werden. In den sonnengegerbten Gesichtern meiner Begleiter, unter ihren schweißgebadeten Brauen, erkannte ich dasselbe brennende Verlangen, welches auch mich umtrieb. Bald schon war es schmerzhaft, verbrannte uns von innen heraus mit diesem schrecklichen Drang. Wir fuhren weiter und keiner sprach über die fürchterliche Angst und die Schmerzen, die uns Nachts wachhielten. Nichts war von so großer Bedeutung wie diese Entdeckung. Wir hätten allen Gefahren getrotzt, Leib und Leben geopfert, eigenes und fremdes. Immer wieder musste ich an den alten Mönch denken, der sein Leben sabbernd und lallend in einer vergessen Zelle seines Klosters beendet hatte, von seinen Ordensbrüdern gefürchtet und gemieden, an das wahnsinnige Geschwätz der Kreuzritter, an den Legaten Andronius, der seine Micula Aegypti in Menschenhaut gebunden haben soll und dafür am Kreuze gerichtet wurde. Waren wir den wirklich Entdecker? Oder folgten wir nur einem jahrtausendealten Pfad durch die Wüste, in den blutigen Sand getrieben von anderen Verdammten, so wie wir es nun waren.
Ich begann zu trinken, genau wie meine Begleiter und es dauerte nicht lange, bis wir zu stärkeren Giften zu griffen. Längst hatte ich alle Hoffnung aufgegeben. “Der Nil ist für uns Styx geworden.”, so lautet meinen Eintrag für den Tag, als wir endlich unser Ziel erreichten. Es dämmerte schon und doch sattelten wir die Pferde. Keiner hatte die Geduld bis zum Morgen zu warten. Jede Sekunde die uns trennte von unserem Ziel war eine Qual. Es war sehr kalt in dieser Nacht, wie es in der Wüste oft ist, aber keiner von uns fror. Niemand sprach ein Wort, selbst die Pferde blieben still. Ich wollte meine Freunde um Verzeihung bitten für die Hölle, in die ich sie unabsichtlich gestoßen hatte, doch nichts kam über meine ausgetrockneten, blutigen Lippen.
Es war ohnehin bedeutungslos. Als wir über die letzte Düne ritten, als wir unser Ziel dahinter erblickten, da fiel all der Schmerz von uns ab wie die Ketten von einem Gefangenen, den man endlich freilässt. Wir stiegen ab und starrten, McMillan bekreuzigte sich, Clifford und ich fielen auf die Knie. Alle weinten, bis heute weiß ich nicht, ob aus Freude oder Wut oder Schmerz. Die Tränen brannten auf meinen wunden Lippen. Niemand beachtete die Pferde, die wieherten und scheuten und dann in der nächtlichen Wüste verschwanden. Es war uns egal. Wir hatten unser Ziel erreicht.
Vor uns erhoben sich Flanken aus Obsidian aus dem Wüstensand, spiegelglatt und glänzend auch noch nach mehr als dreitausend Jahren. Die Spitze, von Meisterhand aus Gold gefertigt, strahlte im Licht des Mondes wie das Leuchfeuer einer fernen Küste. Meine Worte können dem Anblick nicht gerecht werden. Die schwarze Pyramide des Achmotop. Was nur ein Hirngespinst weniger Verrückter gewesen war, lag nun in all seiner Pracht direkt vor uns. Zum ersten Mal seit Tagen schliefen wir für mehr als nur ein paar Stunden, schliefen im Schatten dieses einzigen, wahrhaften Weltwunders, welches alle anderen Lügen straffen musste.
Bereits am nächsten Tag drangen wir in das Innere der Pyramide vor. Jack hatte sie schon am Vormittag vermessen und unsere Vermutung bestätigt, dass ihre Ausmaße alle bekannten Pyramiden übertrafen. Den Eingang markierten zwei schwarze Obelisken. Wir hebelten die schweren Steine auf und legten den Gang dahinter frei, dessen Wände, Decke und der Boden aus demselben schwarzen Material gefertigt waren wie die Außenhaut und genauso makellos. Im Licht unserer Petroleum-lampen schien es uns, als würden silbergraue Rauchschwaden unter der Oberfläche entlang gleiten.
Der Gang führte uns im flachen Winkel nach oben bis zu einer zweiten Tür. Dahinter verbarg sich die Grabkammer. In meinem ganzen Leben hatte ich nie eine solche Ansammlung von Schätzen erblickt und seitdem auch nie wieder. Keiner von uns hatte das. Die Grabkammer selbst war eine quadratische Halle, gestützt durch vier Säulen um ein Podest in der exakten Mitte des Raumes. Auf diesem Podest ruhte ein Sarkophag. Die äußere Schicht beider Teile war aus jeweils einem einzigen Stück Kristall geschnitten worden, so massiv, dass sich der Blick darin verlor und den toten König nicht preisgab. Um den Sarkophag herum türmten sich die Reichtümer, die Achmotep im Leben besessen hatte. Gold, Silber und Geschmeide, Edelsteine in allen Farben und auch solchen, die ich nie zuvor gesehen hatte. Waffen und Kleidung, Schalen und Trinkbecher, ganze Streitwagen und die mumifizierten Körper der Pferde, aufbewahrt in ihren eigenen Gefäßen. All diese Schätzen strahlten in einem gleißenden Licht, das durch eine von außen nicht sichtbare Öffnung einfiel. Die spiegelglatten Wände warfen es tausendfach zurück, die Grabbeigaben genauso und gemeinsam schufen sie ein Licht, stärker als die hellste je konstruierte Lampe, ein Licht wie eine zweite Sonne. Keiner konnte sich lange am Anblick des Schatzes erfreuen, so sehr stach es in unsere Augen.
Hätte ich doch niemals dieses Manuskript gefunden. Hätte ich doch niemals meine Gier, und was sonst ist schon Neugier, meinen Verstand beherrschen lassen. Sie wären noch am Leben und Du könntest jetzt bei mir sein, geliebte Tochter und ich könnte Dich Lachen sehen.
Jack starb als Erster, einen Tag nach unserer Ankunft. Gaspar fand ihm an nächsten Morgen. Sein Gesicht war zu schrecklichen Fratze verzerrt, die Augen aufgerissen und aus den Höhlen getreten, der Mund in einem stummen Schrei aufgerissen. Dünne Würgemale liefen um seinen Hals und ich musste an Finger wie Spinnenbeine denken, lang und spitz.
Wir begruben ihn und fertigten ein Kreuz aus seinen Zeltstangen. Dann kehrten wir zu unserer Arbeit zurück. Ich kann mich nicht erinnern, dass sein Tod mich besonders getroffen hätte. Er war mir gar nicht richtig bewusst, so beschäftigt war ich mit dem Vermächtnis der schwarzen Pyramide.
Litchfield starb in der Nacht darauf, auf dieselbe Weise. Er fand seine letzte Ruhe zur rechten von Jack. Jemand schlug vor, Wachen einzuteilen, aber keiner von uns hatte die Kraft, in der Nacht wachzubleiben. Langsam aber sicher nahmen unsere Lethargie und Schwäche zu.
Das Licht begann an uns zu zehren. Erst sehr viel später kam ich zu der Erkenntnis, dass kein lebender Mensch dieses Licht jemals hätte sehen dürfen. Es drang durch uns hindurch, glitt in uns hinein, wie dünnste Fäden aus Gold. Es vergiftete unseren Verstand, umklammerte ihn unnachgiebig wie die Hand eines Königs sein Zepter umfasst. Manchmal fühle ich es auch heute noch.
Immer öfter ertappte wir uns dabei, wie wir minutenlang in das Vulkanglas im Inneren der Pyramide starrten und immer öfter erkannten wir dabei Formen in den Reflektionen unter der Oberfläche. In der dritten Nacht weckten uns Cliffords Schreie aus der Grabkammer. Wir haben nie erfahren, was er dort zu finden hoffte. Ich stürzte als erster ins Innere. Was ich dort sah, ich kann es nicht beschreiben. Es gibt kein Wort in keiner Sprache, um das Entsetzen zu beschreiben, welches von meinem Herzen in diesem Moment Besitz ergriff. Im Angesicht von Cliffords Schicksal, Gott sei seiner armen Seele gnädig, fiel der verderbliche Einfluss des Lichts von mir ab. Ich wusste, ich konnte ihm nicht helfen und genauso wenig konnte ich bekämpfen, was dort, Millennia und allen Gesetzten der Wissenschaft trotzend, das Leben aus seinem Leib quetschte. Auf dem Absatz machte ich kehrte und scheuchte den kümmerlichen Rest unserer Expedition den Gang hinunter und hinaus in den Sand. Gemeinsam hievten wir die schweren Steine wieder vor den Gang und mit allerletzer Kraft rissen wir den linken Obelisken um, um den Eingang zu versperren, auf das Grab wieder Grab ward.
Bei bestem Willen kann ich nicht sagen, wie wir es zurückgeschafft haben zu unserem Schiff. Ich bin mir nicht einmal sicher, wie ich zurück nach London gekommen bin. Meine erste richtige Erinnerung bist Du, meine Tochter, in den Armen deines Großvaters.
Du hast keinen Grund, mir zu glauben, doch alle diese grauenhaften Ereignisse haben tatsächlich stattgefunden. Ich beschwöre Dich, lies diesen Brief und vergiss ihn dann. Manchen Geheimnissen darf man nicht nachspüren. Manches sollte vergessen bleiben.
Es wird schon Nacht. Lange kann es nicht mehr auf sich warten lassen. Meinen Revolver trage ich schon seit Tagen bei mir. Wenn ich sterben muss, dann will ich meinen Tod wenigstens so finden,
wie ich hätte leben sollen, aufrecht und stolz.
Ich werde diesen Brief Gaspar mitgeben. Er war mir immer ein treuer Diener und wird mir auch diesen letzten Dienst nicht verweigern.
Du bist das einzige, was ich in meinem verfluchten Leben richtig gemacht habe.
Bete für mich, geliebte Tochter, bete für meine verlorenen Seele.
Dein Vater

Auszug aus der Tageszeitung The Guildham Telegrapher
Am späten Abend des gestrigen Tages fand der Wissenschaftler und Archäologe Wilhelm Glover seinen Tod. Er wurde von einem unbekannten Angreifer in seinem Arbeitszimmer ermordet. Der Hausdiener kam ebenfalls zu Tode, als er ins Haus zurückkehrte und den unbekannten Täter bei der Flucht ertappte. Wie aus anonymer Quelle berichtet wird, handelt es sich bereits um den dritten Überfall auf einen Wissenschaftler innerhalb von drei Tagen, nachdem am Montag bereits Doctor Obrien in London und am Dienstag James McMillan in Yorkshire auf dieselbe Art stranguliert wurden. Die einzige Tochter der Familie Glover, Amanda, wurde angeblich zuletzt im Hafen von London gesehen, von wo aus sie das Land in Richtung Afrika verließ.

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Morgengedanken

Das Smartphone rang wie üblich um 6 Uhr, um seinen Besitzer
aus dem Schlaf zu reissen, um ihn in einem neuen Arbeitstag zu begrüssen. Heute
ist es jedoch, wie in letzter Zeit so oft, zu spät. Sein Besitzer liegt bereits
mit offenen Augen im Bett und starrt in die Luft. Er ist erst vor wenigen
Minuten aufgewacht, als die ersten Sonnenstrahlen durch die nicht ganz
geschlossenen Rollladen ihm direkt ins Gesicht schienen. Seitdem war der junge
Mann bereits vollkommen wach und sein Gehirn war bereits wieder am Denken.

Warum war er zu früh aufgewacht? Was war heute wichtig? Ist
an diesem Tag etwas Besonderes? Hatte er vielleicht einen Geburtstag oder ein
Meeting vergessen? Er konnte sich nicht erinnern. Daher hoffentlich nichts
wichtiges. Also einfach mal den Gedanken beiseiteschieben. Wie schiebt man
eigentlich Gedanken beiseite? Es war wohl eher ein Ersetzen durch einen neuen Gedanken.
So dachte er an die Vögel, die vor seinem Fenster bereits zwitscherten und ihr
sorgenloses Leben genossen. War das Leben eines Vogels überhaupt sorgenlos?
Hatten sie vielleicht ähnliche Probleme wie er? Vielleicht doch er konnte sie
wohl schlecht fragen. Ihre lauten und schrillen Schreie der Hilfe würde er wohl
immer noch als glückliches Gezwitscher empfinden. Trotzdem sollte er ihnen ein
wenig Brot hinlegen, bevor er zur Arbeit ging. Schliesslich müssen sie auch
etwas essen. War überhaupt noch Brot da? Sein Kühlschrank ist die meiste Zeit
leer und er wollte sich nicht unbedingt unter Leute mischen, nur um endlich
wieder einmal alle notwendigen Nahrungsmittel für eine Woche zu haben.
Ausserdem ging es auch nur um Brot. Marco, der Pizzabote, war wenigstens nur
eine Person und die verschwand sobald er ihm sein Geld in die Hand drückte.
Aber die anderen Menschen wären überall. Und er wäre nicht in seiner Wohnung.
Also kein Brot für die Vögel. Sie werden es schon überleben schliesslich
zwitscherten sie noch. Trotzdem wird er irgendwann wieder einmal in einen Laden
gehen müssen. Bei dem Gedanken stiess er ein kurzes Zischen aus. Seine Nase
juckte. Wurde er etwa krank? Er war doch erst letztes Jahr krank gewesen. Was
würde sein Chef sagen? Chefs mochten kranke Mitarbeiter nicht. Die fehlen
schliesslich und wer fehlt, macht keinen Gewinn. Hoffentlich wird er nicht
krank. Seine Nachbarn, die über ihm wohnten, wachten ebenfalls immer etwa um 6
auf. Es war ein junges Pärchen, welches erst vor etwa einem halben Jahr in die
Wohnung gezogen war. Ihr morgendliches Ritual beinhaltete viel Gestöhne und
manchmal schlug auch das Bett an die Wand an, was bestimmt der halbe Wohnblock
hören konnte. Das Stöhnen war bereits zu hören. Der Frau schien es zu gefallen.
Vielleicht jedenfalls. Woher sollte er das auch wissen? Er hatte sie erst
einmal gesehen und mit ihr gesprochen hat er noch nicht. Das hat er auch nicht
vor. Er versuchte, nicht hinzuhören aber es gelang ihm nicht. Die beiden waren
zu laut. Trotzdem hatte sich, glaubt er, noch nie jemand bei ihnen wegen des
Lärmes beschwert. Schliesslich ist es ein junges Pärchen und man konnte ihnen
ihr Glück ja gönnen. Wieso hat er eigentlich keine Freundin? Ach ja. Dafür
müsste er ja rausgehen und Menschen mag er schliesslich nicht. Trotzdem wäre es
bestimmt nett, neben jemandem aufzuwachen. Hmmmm. Vielleicht holt er sich ja
eines Tages einen Hund. Hunde mag er, denn die sind loyaler als Menschen und
verstossen dich nicht, wenn du nicht ganz reinpasst. Ein Hund also. Oder
vielleicht doch lieber eine Hauskatze. Aber Hauskatzen wollen nicht neben dir
schlafen. Höchstens auf dir. Also doch ein Hund. Oder vielleicht erstmal mit
einem Goldfisch anfangen. Schliesslich hatte er noch nie ein Haustier. Aber was
für ein Fisch? Ausserdem sollte er gleich ein paar nehmen, damit der Fisch sich
nicht einsam fühlt? Fühlen sich Fische einsam? Goldfische wohl nicht, denn die
sind immer alleine in ihrem kleinen Glas. Oder war das etwa eine Art von Folter
für einen Goldfisch? Weiss das jemand? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht doch
lieber ein Hund. Naja bestimmt nicht heute. Vielleicht ja am Samstag. Kommt
natürlich auf das Wetter an. Wenn die Sonne scheint, bleibt er lieber zu Hause.
In der Wohnung ist es wenigstens schön dunkel und er muss sich nicht mit
Menschenmassen herumplagen. Bei Regen sind viel weniger Leute unterwegs. Dann
könnte er rausgehen. Wo kriegt man eigentlich einen Hund heutzutage her? Gibt
es diese Tierläden, die man in den Filmen von früher immer sieht, noch? Müsste
er etwa in ein Shoppingcenter gehen? Da wären sowieso viel zu viele Menschen.
Dann vielleicht doch lieber übers Internet suchen. Oder? Sollte er einer
fremden Person wirklich einen Hund abkaufen? Der Hund könnte krank sein. Was
macht er dann? Wieviel kostet ein Tierarzt? Vielleicht doch lieber ein Fisch.
Bei dem sieht man es ihm nicht an, wenn er krank ist und dann stirbt er
einfach. Das ist aber natürlich auch nicht unbedingt nett. War er überhaupt
bereit, sich um ein Lebewesen zu kümmern? Er muss später noch einmal darüber
nachdenken. Sich ein Haustier zu holen scheint kompliziert zu sein. Er sollte
wirklich aufstehen, damit er nicht noch seinen Bus verpasst. Wenn er den Bus
verpasst, muss er den ganzen Weg mit dem Fahrrad fahren. Das wäre natürlich
auch ganz nett. Vor allem hätte er dann bestimmt keine Schüler oder alten
Leute, die ihn anstarren, wenn er gerade nicht hinsieht. Moment. Jetzt wird er
wieder paranoid. Vielleicht. Also doch mit dem Fahrrad. Die Sonne schien
schliesslich und er hatte genug Zeit. Er ist mit dem Fahrrad schliesslich etwa
gleich schnell. Frühstückte er noch? Wahrscheinlich ja. Aber was? Vielleicht
hatte er ja noch irgendwo einen Müsliriegel. Seine Schwester hatte ihm vor ein
paar Monaten eine Packung gebracht. Wo waren die nochmal? Bestimmt in der
Küche. Er würde sie schon finden. Muss er noch duschen? Wahrscheinlich. Also
los! Aus dem Bett raus! Seine Mutter sagte schliesslich immer, dass ein neuer
Tag auch eine neue Chance brachte. Wofür hat er jedoch nie gefragt. Jetzt fragt
er sich das immer wieder. Vielleicht findet er es ja heute heraus.

Der junge Mann drehte sich auf die Seite und griff nach
seiner Brille. Seine Wohnung musste wieder einmal geputzt werden. Vielleicht ja
nächsten Sonntag. Schnell griff er zum Smartphone, um den Wecker endlich zu
deaktivieren. Es war schon 6:02 und er bereits zu spät dran. Also doch ein Tag
wie jeder andere.

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Schuld

Was, wenn du einen Tag deiner Wahl rückgängig machen könntest? Oder wenn du in der Lage wärst, diesen einen Tag komplett aus dem Gefüge der Zeit zu löschen? Was würdest du tun? Würdest du es ignorieren können, dass sich an diesem Tag viele glückliche Paare den Schwur der ewigen Treue und Fürsorge gegeben haben, wovon es sicherlich auch ein paar von ihnen wirklich hinbekommen? Wäre es dir egal, wie viele kleine Menschen an diesem Tag das Licht der Welt erblickt haben? An diesem Tag, den du am liebsten streichen würdest. Oder den du gerne noch einmal erleben möchtest, um alles anders zu machen. Um einen anderen Weg zu gehen als den, zu dem du dich entschlossen hast. Um es besser zu machen. Aber würdest du es besser machen? Oder würdest du einfach einen anderen Weg wählen, der dich doch nur dahin bringt, wo du gerade bist?

Vielleicht fragst du dich, was dich dazu bewegt hat, an diesem Morgen überhaupt aufzustehen. War es das Zwitschern der Vögel an diesem frühsommerlichen Tag oder das Vibrieren deines Smartphones, das immer auf Empfang auf deinem Nachttisch liegt? Weniger als ein Drittel dieser 24 Stunden sind dir dann noch geblieben, um alles richtig zu machen. Um das richtige Outfit zu wählen, das Richtige zu frühstücken, den richtigen Kaffee zu trinken. Nur ein weiterer Tag, hast du dir beim Verlassen deiner schäbigen Wohnung gedacht. Ein weiterer Tag voller Arbeit und Frustration. Voller Enttäuschungen und Eintönigkeiten. Dabei hättest du in diesen wenigen Stunden so viel Gutes tun können. Es waren deine Entscheidungen, vergiss das nicht. Deine Entscheidungen, wegen denen du nun hier stehst.

Wäre es nicht unfair all denen gegenüber, denen Gutes widerfahren ist, nur um deine falschen Entscheidungen rückgängig zu machen? Wäre es nicht egoistisch, einem heranwachsenden Jungen das erste Gefühl der Verliebtheit wieder wegzunehmen? Oder einem kleinen Mädchen den Erfolg, das erste Tor in einer noch ungeschriebenen Fußballkarriere geschossen zu haben? Nur, damit du dich wieder besser fühlst?

Sei ehrlich, würdest du daraus lernen? Sei ehrlich, zu dir selbst. Denn sonst ist hier ja keiner. Sieh mir in die Augen, in deine Augen, die dich voller Enttäuschung und Selbsthass durch das reflektierende Licht im Badezimmerspiegel ansehen. Du würdest alles genauso machen. Denn es ist dir egal. Alles ist dir egal, vor allem andere Menschen. Sie sind dir egal, denn alles was zählt, bist du selbst. Dir muss es gut gehen, Spaß musst du haben. Ist doch egal, wie es anderen dabei geht. Solange du dich ausleben kannst. Solange du im Vollrausch mit deinen sogenannten Freunden um die Häuser ziehen kannst. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne Hemmschwelle, die dich noch davon abhalten kann, in einem Bruchteil dieses für dich nichtsbedeutenden Tages alles zu verändern.

Indem du den Schlüssel in die Hand nimmst, anstatt das Smartphone, um dir ein Taxi zu rufen. Und es dir auf dem Ledersitz bequem machst, anstatt dich in den Dreck zu legen, wo du hingehörst. Noch ist es nicht zu spät, aber du drehst den Schlüssel herum. Und stellst die Musik so laut, dass du es erst gar nicht bemerkst. Dass du gerade dabei bist, ein Leben zu beenden. Nicht deins. Denn du hast die Fahrgastzelle um dich herum. Ein fragiles Leben, ein bedeutendes Leben. Ein geliebtes und geschätztes Leben, von Familie, von Freunden. Welches wegen deiner Arroganz und Selbstverliebtheit von einer Sekunde auf die nächste beendet ist.

Was dich da zerfrisst, ist Schuld. Die Schuld, einer Mutter einen Sohn weggenommen zu haben. Die Schuld, einen nichtsahnenden Menschen des besten Freundes beraubt zu haben. Und eine komplette Stadt in Fassungslosigkeit zu versetzen. Könntest du diesen Tag rückgängig machen, ginge es dir nicht darum, ein anderes Leben zu retten. Es ginge dir einzig und allein darum, deines zu retten. Das weiß ich genau, denn du weißt es. Also kannst du es wirklich verantworten, all die guten Dinge zu vernichten, nur um deinen Fehler zu korrigieren?

Denk darüber nach. Immerhin hast du Zeit dafür in dem tiefen schwarzen Loch, in das du dich selbst befördert hast. Und aus dem du nun nicht mehr herauszukommen scheinst. Weshalb du nur noch mehr trinkst. Und alles zu betäuben versucht. Genauso wie du es an diesem einen Tag mit dem letzten guten Funke in dir getan hast. Dem Einzigen, das dich noch hätte retten können.

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Ad mores natura recurrit damnatos, fixa et mutari nescia

Der Regen, ein in vielerlei Hinsicht interessantes Naturphänomen, und darüber hinaus für manche Menschen wie meine Wenigkeit ein Spiegel der Seele, wie passend, dass ich in den letzten Augenblicken meines Lebens von ihm umhüllt werde, doch was hat es mit dieser schreienden Menschenmenge die meinen am Boden liegenden Körper einkreist auf sich? Ich verstehe nicht was sie sagen. Habe ich es womöglich geschafft? Wird mir endlich die Beachtung geschenkt, die ich mir so lange gewünscht habe? Mein Abgang könnte nicht besser laufen. Doch plötzlich wird mir schlagartig bewusst: Ich habe einen furchtbaren Fehler begangen, doch um die aus ihm resultierten Schäden zu beseitigen ist es nun zu spät.
Es ist eine lange Geschichte, lasst uns daher ganz von vorne beginnen. Mein Name ist Shaun, ich “beglücke diesen Planeten mit meiner Präsenz” bereits seit 23 Jahren, besuche derzeit die Chicago State University und studiere Informatik. Wenn euch nun das klassische Bild des introvertierten Nerds vor Augen aufblitzt, der sein Lebtag vor dem Bildschirm verbringt, es ist der Wahrheit nahe, deckt aber dennoch nur einen Bruchteil jener Faktoren ab, die meine Persönlichkeit prägen. Das kann ich mit Sicherheit behaupten, denn wenn es eine Sache in meinem Leben gibt, der ich mehr Aufmerksamkeit geschenkt habe als so manch anderer ist es die Analyse meiner eigenen Person. Ich hatte dafür sowohl ausreichend Zeit als auch triftige Gründe, welches sich durch mein “blühendes Sozialleben” erklären lässt. Abgesehen von einer kurzen Phase in meiner Kindheit war ich noch nie ein Mann großer Worte, doch selbst in dieser empfand ich mein lautstarkes Auftreten stets als gespielt, ich nahm jeden Kollateralschaden in Kauf, der sich als notwendig erwies, um das Ansehen meiner Altersgenossen zu erwerben. Ich schlug mich auf die Seite der Bullies. Was für ein unangenehmer Zeitgenosse ich damals gewesen sein muss und dennoch, das Rezept hatte Erfolg. In jedem Falle konnte ich nicht auf diese Weise weiterleben, in der Rolle des dominanten Anführers, dessen Herrschaft auf den Leichen anderer aufgebaut ist. Daraufhin schlug ich ein anderes Extrem ein, sprach kaum mehr mit Mitschülern, wurde zum Außenseiter und verlernte den normalen Umgang mit Menschen. Man hielt mich für antisozial, herablassend oder schlichtweg apathisch. Nichts von alledem entsprach der Wahrheit, ich hatte nie die Absicht der Gemeinschaft durch meine Reserviertheit zu schaden, hielt mich nie für etwas Besseres als andere und nicht zuletzt habe ich vermutlich in all meinen Jahren an der Highschool durch einfaches Zuhören mehr über meine Klassenkameraden erfahren als sie es sich jemals vorstellen könnten, Apathie sieht anders aus. Weiterhin war ich während dieser Phase natürlich auch an Frauen interessiert, welche die treibende Kraft darstellten, die mich zur Begehung meines Fehlers trieb.
Auf Drängen meiner Mutter hin musste ich angesichts meines auffälligen Verhaltens abermals einen Psychologen aufsuchen. Abermals? Nun, mein Vater, ein in den Südstaaten aufgewachsener Taugenichts, der in der Army gedient hatte behandelte Frauen wie Untergebene, insbesondere während seinen zahlreichen Alkoholeskapaden. Widerspruch wurde mit verbaler sowie physischer Gewalt geahndet. Eines Tages während des gemeinsamen Abendessens eskalierte ein Streit. Konfrontationen zwischen meinen Eltern basierten zumeist auf Banalitäten, die sich schnell zu mittleren Katastrophen des familiären Zwischenlebens hochschaukelten. An diesem Abend wurde mein Vater vollständig von seinem Groll konsumiert, er stieß meine Mutter mitsamt ihrem Stuhl zu Boden und begann erbarmungslos auf ihr Gesicht einzuschlagen. Ihr musste geholfen werden, also tat ich das Einzige, was mir in diesem Moment als eine angemessene Lösung erschien, ich eilte an ihnen vorbei, in das Zimmer meines Vaters, in dem er eine umfangreichte Waffensammlung aufbewahrte, griff zur nächsbesten Pistole, machte sie schussbereit und hastete zurück in das Esszimmer. Zu diesem Zeitpunkt war das Antlitz meiner Mutter bereits durch ihren eigenen scharlachroten Lebenssaft getränkt, also zielte ich auf meinen Vater und befahl ihm mit zitternder Stimme sich von ihr zu entfernen. Er erwies sich als unbeeindruckt, was man jedoch von einem ehemaligen Soldaten hätte erwarten können. Statt meinen Anweisungen zu folgen ging er von seiner knienden Haltung über dem bewusstlosen Körper meiner Mutter wieder in einen aufrechten Stand über und wendete sich in meine Richtung. Süffisant verunglimpfte er mich mit den Worten “Dazu hast du nicht den Mumm!” während er sich mir langsam näherte. Es war mir klar, dass ich das nächste blutüberströmte Opfer auf dem Parkettboden sein würde, wenn ich nicht umgehend handelte. Ein Handgriff in Richtung meiner Beretta und ich wäre in wenigen Momenten entwaffnet gewesen. Ich schoß ihm ins Bein und fühlte mich furchtbar. Beide meiner Eltern erholten sich, mein Vater schwor der körperlichen Gewalt ab, meine Mutter versprach im Gegenzug ihn nicht bei den Cops zu melden. Ich sollte einen Psychologen aufsuchen, durfte jedoch nicht die Einzelheiten dieses Abends schildern. Widerwillig stimmte ich zu, ich hätte alles getan, um meine Mutter vor weiterem Leid zu bewahren. So erwiesen sich die Sitzungen beim Psychologen in erster Linie als Beschäftigungstherapie, da ich mich diesem niemals wirklich öffnen konnte. Gleiches ist prinzipiell auch auf die zweite Sitzungsreihe zutreffend. Diese “professionelle” Hilfe kam zur Diagnose Soziophobie. Blödsinn, ich fürchte mich nicht vor anderen Menschen, ich verachte sie. Niemals wollte ich diesen Charakterzug zum Vorschein kommen lassen, ich bemühte mich stets ein netter und zuvorkommender Mensch zu sein. Diese Absicht schien jedoch niemand zu bemerken. Entweder wurde ich mit Missachtung gestraft oder gar gemobbt, wortkarge Menschen sind eine einfache Zielscheibe. Diese zwei alternierend stattfindenden Ereignisse zogen sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Eine Gruppe dreier Mädchen hatte es besonders auf mich abgesehen. Rachel, Julia und Cindy , drei Namen die ich nie vergessen werde. Sie machten sich regelmäßig darüber lustig, wie ich vermutlich noch nie ein Date mit einer Frau gehabt hätte und garantiert noch nicht einmal Händchen halten oder meinen ersten Kuss in Empfang nehmen durfte. Oftmals ließen sie ihre Unterrichtsmaterialien absichtlich zu Boden fallen und kommandierten mich dazu es für sie einzusammeln. Ich konnte nicht widersprechen denn ich hatte keine Erfahrung mit Frauen, wie denn auch, ich konnte nie wirklich mit ihnen hinreichend kommunizieren, und mich ihnen auch nicht widersetzen denn meine männlichen Kommilitonen taten alles in ihrer Macht stehende um auf die gute Seite der Damen zu gelangen, dazu zählte auch mich zur Verrichtung ihrer Aufgaben zu zwingen. Genau genommen, war nur 2/3 dieses Damen-Ensembles mir feindlich gesinnt, Cindy eine schmächtige Schönheit mit wallendem schwarzen Haar und grünen Augen hielt ihre Freundinnen oft zurück. Eines Tages kontaktierte sie mich via Twitter und wir verabredeten ein persönliches Treffen. Sie erklärte mir wie unglaublich leid ihr das Verhalten ihrer Freundinnen tue und bot mir Wiedergutmachung an. Ich stimmte zu, nicht zuletzt, weil sich bisher noch niemand außerhalb meiner Familie um mich gesorgt hatte und schon gar nicht eine Person, die ich aufgrund ihrer Rechtschaffenheit und natürlichen Art verehrte. Mit der Zeit wurde wir im Geheimen gute Freunde und schließlich Liebhaber, das Blatt schien sich für mich zu wenden, dachte ich zumindest. Das Doppelleben, das wir führten, machte mir zu schaffen. Die Differenz zwischen meinem alten und neuen Leben war schlichtweg zu groß, als dass sie noch ertragbar gewesen wäre. Je länger sich mein Doppelleben hinzog, desto grimmiger wurde meine Gesamtstimmung. Was nützen mir Stunden des Glücks die von Monaten der Trauer überschattet werden? Ich spielte oft mit dem Gedanken mir das Leben zu nehmen. Doch dann kam ich zu dem Entschluss ihnen diese Genugtuung nicht zu geben! Sie sollten büßen für das was sie mir angetan hatten. Niemand sollte mich mehr missachten, künftig sollte mein Name einen Hass hervorrufen, der mit jenem vergleichbar war, den ich zu diesem Zeitpunkt gegenüber meinen Peinigern verspürte. Dafür benötigte ich nicht mehr als einen einzigen Tag, dieser Tag sollte in die Geschichte eingehen als mein Vermächtnis.
Am Morgen des 23. Januars suchte ich die Universität früher als gewohnt auf und wartete hinter einem Geräteschuppen, der das zur Pflege der prachtvollen Grünanlage des Campus benötigte Equipment beherbergte und ferner einen wundervollen Blick auf den Haupteingang bot, auf das Eintreffen des Hausmeisters. Als es dazu kam überwältigte ich ihn, ein einfacher Würgegriff genügte, entwendete ihm sein Schlüsselbund und schloss seinen bewusstlosen Körper in besagtem Schuppen ein. Daraufhin verriegelte ich bis auf den Haupteingang sämtliche Eingänge, wartete dann bis zum Beginn des ersten Unterrichtsblocks und verschloss letztendlich auch die verbleibende Tür. Ich begab mich auf die Herrentoilete des obersten Stockwerks, in dem sich auch der von meinem Jahrgang zu diesem Zeitpunkt belegete Hörsaal befand, legte mir dort Tarnkleidung an und zog mir eine Sturmhaube über. Es wäre wohl nicht nötig gewesen meine Identität zu verschleiern, denn lebend würde ich das Gebäude wohl nicht verlassen. Schließlich holte ich das F2000 Sturmgewehr meines Vaters aus meinem Rucksack.
Ich hatte 2 Magazine à 30 Schuss zur Verfügung, genug um alle Zielpersonen auszuschalten. Ich legte den kurzen Weg zum Hörsaal zurück und stieß die Tür gewaltsam auf. Vor dem unvermeidlichen Ausbruch von Panik herrschte eine Stimmung im Raum, die ich noch nie erlebt hatte, als würde ein Eisnebel den Raum durchziehen, der in die Kehlen meiner Opfer kroch und sie in Schock und Furcht erstarren ließ, es war großartig. Den Professor wies ich an die Jalousien zu schließen und die Tür zu verriegeln, die Studenten sollten sich währenddessen an der am weitesten entfernten Wand zur Tür nebeneinander aufstellen. Ein Möchtegern-Held stürmte auf mich zu in der Hoffnung mich entwaffnen zu können, ich statuierte ein Exempel. Danach schaltete ich ohne Zögern oder einem Anzeichen von Reue systematisch einen nach dem anderen aus. Rachel und Julia mussten stärker leiden. Mittels einer gut geschärften Machete fügte ich ihnen jeweils zahlreiche Stichwunden zu und ließ das aus ihren Körpern in Strömen austretende Blut den Rest erledigen. Schließlich war da noch Cindy. In Embryonalstellung kauerte sie neben ihren gefallenen Kameraden am Boden. Ich wollte, dass sie mich ins Nachleben begleitet, doch ich brachte es nicht über mich sie zu töten. Stattdessen half ich ihr sich in den Kniestand aufzurichten und nahm meine Sturmhaube ab. Sie schien nicht annähernd so entsetzt zu sein, wie ich es vermutet hatte, sie muss meine innere Zerissenheit während unserer gemeinsamen Zeit wohl gespürt haben. Ich nahm sie in den Arm, sie setzte sich zunächst zur Wehr ließ es jedoch dann über sich ergehen und schluchzte immer wieder dieselben Worte: “Warum tust du das?”. Ich antwortete nicht, strich ihr stattdessen durchs Haar. Die von der Außenwelt in das Zimmer getragenen Klänge verrieten mir, dass sich Polizeieinsatzkräfte bereits Zutritt zu dem verriegelten Gebäude verschafften. Ich drückte den zuvor erworbenen Schlüssel in die Hände von Cindy und wies sie ruhig aber bestimmt dazu an den Raum zu verlassen. Nun war es soweit. Ich richtete die Waffe auf mich und brachte es zu Ende. Es ist nicht der Regen, der mich umhüllt, es ist mein eigenes Blut. Diese schreienden Menschen sind die Cops, mein Bewusstsein entgleitet mir wohl. Der schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi sagte einst: " Wahre Menschlichkeit ist köstlicher als alle Schönheit der Erde." Was ist wahre Menschlichkeit wirklich? Ist es der Komfort und die Liebe, die meine Mutter bzw. später Cindy und ich uns gegenseitig boten, die Freundlichkeit, der Respekt und das Verständnis, die ich über weite Strecken meines Lebens versucht habe anderen Leuten entgegenzubringen? Wenn dem so wäre dann würde ich uneingeschränkt zustimmen, doch ist es wirklich so simpel? Liegt es nicht auch auch in der Natur des Menschen sich gegenseitig zu bekämpfen und vernichten, sich gegenüber anderen zu profilieren? Seit es Menschen gibt, gibt es Kriege, Fehden und Unstimmigkeiten! Der Begriff der Menschlichkeit ist ambivalent, ebenso wie die Natur des Regens, man assoziiert ihn mit einem schönen Naturspektakel und gleichzeitig mit Düsterheit, der perfekte Spiegel der menschlichen Seele. Doch ich war stets ein Träumer, ich habe nahezu nie in der Gegenwart, sondern meist in der Vergangenheit und Zukunft gelebt. Ich habe einen Fehler begangen, Rache schien verlockend, doch es war der mit Abstand leichteste Weg den ich hätte beschreiten können, ich hatte wieder meine Herrschaft auf den Leichen anderer aufgebaut. Ich hätte mich mehr fordern, weiterhin nach einer friedlichen Welt streben sollen, statt den niederen Trieben nachzugeben, denn wenn ich als Leidtragender nicht damit beginne Verbesserungen des menschlichen Miteinanders in die Wege zu leiten, wer sollte es denn sonst tun?

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