Woah, 2 mal an einem Tag so nen Text schreibe ich für gewöhnlich nur, wenn ich Hausarbeiten schreibe oder mich die Muse mal wieder küsst.
[quote=„anon12989251, post:671, topic:6586“]
Ich spreche nicht von einem durchgängigen humanitären Akt, sondern von einem/zwei konkreten Lieferungskonvois, die bei uns gleich als russische Invasion aufgefasst wurde. All deine Punkte trafen im übrigen danach zu, der Konvoi war recht früh in der Krise. [/quote]
Gut, dann mal ausführlich zu dem Konvoi:
Es konnte nur ein kleiner Teil des Konvois vom roten Kreuz inspiziert werden. Diese inspizierten Fahrzeuge enthielten angeblich aus „ladungstechnischen Gründen“ nur jeweils wenige Paletten Güter, das hätte man notfalls mit nem Sprinter transportieren können.
Nun stellt sich mir als Mensch mit logischem Denken dann folgende Fragen:
a) warum durften nicht alle LKW vom Roten Kreuz inspiziert werden, wenn sie nur Hilfsgüter enthielten?
b) warum wird auf einem LKW-Typ, der 12 mal (!) die Rallye Dakar gewonnen hat (Distanz, Gewicht und Terrain sind dabei deutlich anspruchsvoller als im vorliegenden Fall, wo es quasi nur auf der Straße geradeaus ging) nur wenige Paletten verladen? Noch dazu mit der mehr als eigenartigen Begründung, dass man diese Kapazität für den Fall eines „liegenbleibens“ von LKWs frei hält (wo jeder mit ein wenig Ahnung von Logistik anfängt mit lachen).
c) warum parkten diese LKW vor einer Maschinenfabrik, welche zufälligerweise auch essenzielle Teile für die russische Rüstungsindustrie produzierten?
d) warum wurde exakt diese Fabrik fast zur selben Zeit angeblich „unter Feindfeuer“ demontiert und nach Russland verschifft, obwohl in der Region keine Kampfhandlungen zu verzeichnen waren? (Das russische Staatsfernsehen hat dies urigerweise selbst dokumentiert - seltsamerweise aber nicht das Verladen & den Transport nach Russland)
Nach Einschätzung von anwesenden Journalisten, welche man übrigens nicht einmal in die Nähe des Parkplatzes besagter Fabrik ließ, waren die LKW beim Verlassen des Geländes beladen.
Warum sollten wir also glauben, dass es lediglich ein Hilfskonvoi war?
Sehen wir der wahrscheinlichsten Tatsache doch mal ins Auge:
Im besten Falle waren die Hilfsgüter dieses Konvois das Feigenblatt, das Putin mindestens für die Evakuierung ukrainischer Produktionsanlagen benötigt hat, weil Russland diese Fertigungsanlagen nicht selbst ohne ausländische Hilfe reproduzieren kann.
Im schlimmsten Falle waren in den nicht inspizierten LKW militärische Hilfsgüter UND man hat im Nachgang noch ukrainische Industrie demontiert.
Beide Optionen machen diesen Konvoi absolut verwerflich.
Auf was spielst du gerade hier an?
Dass politisch in den Verhandlungen mit der Ukraine Fehler begangen wurden, kann man nicht leugnen. Spielst du auf die 30mrd US-Subventionen an, die Nuland mal in einer Rede erwähnt hatte?
Du benutzt außerdem eine Täter/Opfer-Umkehr, indem du die russischen Aktionen direkt als Reaktionen rechtfertigst & du vernachlässigst jede Relation - auf handelspolitische Aktionen mit der Annektion von ukrainischem Territorium und dem losbrechen eines Krieges im Land zu reagieren ist so weit voneinander weg, dass das schon absurd wirkt.
[quote=„anon12989251, post:671, topic:6586“]
Inwiefern? Russland hat sich seine geopolitischen Ziele gesteckt dun diese gesichert. Und unter uns gesagt, die sind recht klein, betrachtet man den globalen Anspruch von China und USA. Russland hatte hauptsächlich seinen Schwarzmeerhafen gesichert, den es bis dato gepachtet hatte, und nun nicht mehr sicher sein konnte, diese Pacht verlängern zu können. Kindliches Verhalten sieht für mich anders aus.[/quote]
1.) der Hafen war bis 2047 rechtlich sicher gepachtet
2.) die Ukraine hätte sich ein Aufkündigen dieses Vertrages rein ökonomisch nicht leisten können und
3.) in Noworossijsk gibt es einen weiteren russischen Militärhafen.
Bitte, das Märchen vom angeblich „gefährdeten Schwarzmeerzugang“ kann ich echt mittlerweile nicht mehr hören, das ist einfach nicht haltbar.
Also geht es dir gar nicht um die Wahrheit, sondern nur darum, dass die Medien in diesem Falle etwas als denkbar bzw. Wahr bezeichnet haben, was sich erst im Nachgang zu 100% als Wahrheit herausgestellt hat?
Denn dass Maidan-Aktivisten aktiv den eigenen Leuten in den Rücken geschossen haben, das ist bisher nicht im Ansatz so klar belegt wie die Tatsache, dass Berkut-Einheiten auf Demonstranten geschossen haben.
Du begehst wieder einen massiven Fehler: du vergleichst absolute Zahlen.
Rüstungszahlen sind aber schon bewusst in Relation zum BIP gesetzt, da es nur so Sinn macht - denn für 5.000 USD bekommst du in den USA deutlich weniger an Rüstungseffekt als in Russland für dieselbe Menge USD.
Für 20.000€ (Schätzung) bekommst du in den USA & in D einen einzigen Soldaten ausgestattet, in Russland vielleicht 5 (Zahl aus der Luft gegriffen, keine Gewähr). Also stellt Russland mit 20 Mio USD vielleicht schon eine ganze Staffel an Soldaten zusammen, während du mit dieser Zahl in Deutschland vielleicht noch einen kleinen Zug ausgebildet bekommst.
Daher sind die Rüstungsausgaben in Relation zum BIP das einzige wirklich zuverlässige Vergleichsmittel, da sie nur damit vergleichbar sind - ansonsten nimmst du an, dass eine sogenannte „Kaufkraftparität“ vorliegt, die man in der Realität kaum vorfindet.
Beispiel: in Russland beträgt die durchschnittliche Rente was um die 8.000 Rubel, das sind in Deutschland etwas mehr als 120€. Und ich weiß nicht wie es dir geht, aber davon kann man in Deutschland vielleicht einen Monat lang mit Müh und Not das Essen für 2 Personen bezahlen, aber keine Miete, keinen Strom, kein Wasser, kein Fernsehen, keine Kleidung… verstehst du, was ich meine?
[quote=„anon12989251, post:671, topic:6586“]
Und nochmal: es geht mir nicht darum Russland als den guten Burschen hinzustellen, es geht mir darum ihn nicht unreflektiert als den alleinig ewig Bösen hinzustellen. Und zur Reflektion gehört auch eine kritische Betrachtung von uns, und dazu gehört nicht zu sagen, dass von unserer Seite keine Kriegsmache und Aktionen ausgehen.[/quote]
Sicher gibt es aggressive Stimmen in der EU - sehen wir nach Polen mit der PiS, überlegen wie viele Zivilisten durch einen von einem deutschen Oberst angeordneten Luftschlag in Afghnanistan 2010 herum umgekommen sind, kritisieren völlig zurecht deutsche Waffenexporte, betrachten britische Militäreinsätze im Irakkrieg kritisch und bringen völlig zurecht ein vermukstes Freihandelsabkommen zu Fall, das aller Wahrscheinlichkeit in seiner derzeitigen Form keinen breiten Wohlstandszuwachs gebracht hätte.
Wir müssen aber in jeder(!) Richtung kritisch sein.
Und Russland gehört als europäischer Staat dazu, muss in jeder Hinsicht berücksichtigt und einbezogen werden. Das steht außer Frage, ich bin dafür mit Russland zu reden, anstatt es zu isolieren. In dieser Hinsicht mag ich Angela Merkels Pragmatismus wirklich sehr - und ich bin beileibe kein CDU-Wähler.
ABER: Russland hat Probleme, die es externalisiert (sprich: nach außen trägt). Und es ist zu 100% von Rohstoffpreisen abhängig (die sog. „Ressourcenfalle“ - der oft genannte „Verdienst“ von Putin ist kein Verdienst, sondern ein krasses Versagen, da es lediglich auf dem Preis für Ressourcen basiert, der die letzten 10 Jahre sehr hoch war, jetzt die letzten Jahre eingebrochen ist und auf absehbare Zeit nicht über die Deckungsgrenze der Russen steigen wird).
Der korrekte Umgang mit diesem Problem wäre eine Modernisierung der Industrie, aktive Bekämpfung der staatlichen Korruption und breite Zusammenarbeit mit allen anderen Ländern. Russland könnte wirtschaftlich heute deutlich größer sein als Deutschland und GB zusammen, krebst aber auf dem Niveau von Italien herum - nicht weil es nicht mehr könnte oder die Leute in Russland irgendwie dumm wären. Nein, sondern weil einfach jede Investition in der Korruption versumpft und zusätzlich extreme Probleme wie die Demografie einfach massiv vernachlässigt werden.
Von dieser Korruption profitiert Putin und jeder seiner Oligarchen jedoch massiv. Und damit diese Cashcow noch weiter bestehen kann, wird die Presse gleichgeschaltet, politische Widersacher ermordet oder eingeknastet, das Militär ausgebaut und das eigene Geld ins Ausland geschafft. Zugleich kann man übrigens einen extremen Braindrain beobachten, denn Akademiker verlassen in Scharen das Land, die russischen Universitäten forschen nur noch bestenfalls auf Sandkastenniveau, selbst zu Sowjetzeiten waren diese noch teilweise weltweit angesehen.
Und Schuld an einer wirtschaftlichen Krise ist immer der andere: der „böse Westen“.
Wenn du gut genug englisch kannst, dann kann ich dir einen Text von Dr. Yakow Mirkin, der das IMEMO (ein russisches Forschungsinstitut) leitet, empfehlen:
Der Mann weist in Russland schon seit vielen vielen Jahren auf die Einseitigkeit der russischen Wirtschaft hin und dass es so einfach nicht weitergehen kann. Das sind keine irgendwie „gekauften“ Worte westlicher NGOs, wie es so oft kritisiert wird - der Mann ist Russe und führt ein vom russischen Staat finanziertes Institut. Versuche, es inhaltlich zu kritisieren - es wird dir nicht gelingen, weil es schlichtweg die Wahrheit ist.
Russland driftet aktuell krass in eine selbstverschuldete Krise - und das würde „den Westen“ wohl kaum kümmern, wenn da nicht wären:
- Ukraine (ein Konflikt, den Russland eröffnet hat, obwohl sie diesen mit Diplomatie hätten lösen können)
- Georgien (ein Konflikt, den sie nicht verursacht haben, aber bei Bedarf weiter befeuern, sobald Georgien sich der EU zuwendet)
- Atomwaffen (von denen Russland nach wie vor die meisten weltweit besitzt)
- Syrien (solange sie Assad halten, ist Frieden da unten nur ein schöner Traum)
- das Festhalten an sowjetischen „Einflusssphären“ (incl. der damit verbundenen Negation der Souveränität dieser Länder)
- unterstützen von EU-kritischen Stimmen wie dem Front National in Frankreich
und und und, die Liste könnte ich noch bedeutend weiter führen.
Geht Russland krachen, kracht es auch bei uns - nicht weil wir wirtschaftlich so verbandelt sind, dass Europa ein so starkes Einbrechen des russischen Marktes nicht kompensieren könnten, sondern weil die externalisierten Faktoren der untergehenden russischen Oligarchie eine so starke Gefahr für Europa als ganzes darstellen.
Und Europa (also „wir“) können das nicht übersehen, vernachlässigen oder durchgehen lassen - wir können nicht zulassen, dass die alten Sowjetzeiten wieder aufleben, incl. Vasallenstaaten und Drohgebärden, auch wenn man in Russland diese mangels historischer Aufarbeitung dieser Zeit gerne wiederhaben wollen würde.
Denn wenn wir das weiterdenken, haben wir dann wieder eine zweigeteilte Welt, keine geeinte.
Schlusswort von mir dazu, um den Kreis mal zu zu machen (den Kram zu schrieben dauert schließlich deutlich länger, als wenn ich es aussprechen würde):
Die Welt ist nicht schwarz/weiß, aber manche Dinge wie der Brexit oder die russische Politik (außen- wie innenpolitisch) sind rational gesehen kompletter Irrsinn. Es hat einen Grund, dass so viele Menschen auf der Welt nach Europa wollen - wir sind im weltweiten vergleich einfach fucking reich, haben keinen Krieg und kein unmittelbares Konfliktpotenzial außer das, was wir uns selber schaffen.
Und aktuell sind jene, die mit diesem Konfliktpotenzial Stimmung machen (völlig egal, ob wir da von Pegida-Rentnern, der AfD, Compact & dem Kopp-Verlag oder sogar Teilen der Linkspartei reden) auch die, die dieses Konfliktpotenzial schüren und damit auf Stimmenfang gehen. Das macht es übrigens auch so schwierig: man kann rechten Unsinn und linken Unsinn kaum noch auseinanderhalten.
PS: @anon12989251: ich werde maximal noch antworten, wenn etwas neues kommt. Ich habe weiß Gott genug von deinen Argumenten debunked, die man teilweise problemlos auch mittels Wikipedia hätte wiederlegen können.
Ich werde also nicht darüber diskutieren, ob die Krim nun annektiert wurde oder nicht, denn diese Tatsache ist - wie der Name schon sagt - ebenso eine Tatsache wie meine leere Kaffeetasse und damit indiskutabel.
Ich gehe mir also nen Kaffee holen, bis später. ![]()
€dit: Post nummer 666 - bin ich jetzt Satanist oder was?



